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zum 2. Mai ist im Finnland-Institut in Berlin eine Ausstellung über
finnische Straßenmode zu sehen. Unter dem Titel HEL LOOKS –
Straßenmode aus Helsinki präsentieren Liisa Jokinen und Sampo
Karjalainen großformatige Fotografien, die sie von Passanten auf
der Straße gemacht haben. HEL LOOKS ist ein Hobbyprojekt. Liisa
Jokinen arbeitet hauptberuflich als freie Journalistin und Autorin, ihr
Partner und Lebensgefährte Sampo Karjalainen ist kreativer Leiter
beim Technologieunternehmen Sulake. Sie leben in Helsinki.
(Foto: privat)
KULTURHUS BERLIN:
Was bedeutet HEL LOOKS? Wie sind Sie auf den Titel gekommen?
Liisa Jokinen: Mit HEL assoziiert man natürlich Helsinki. Im Flugverkehr
ist das die Abkürzung für Helsinki. Wenn man ein L hinzufügt,
ergibt das lustigerweise Hell: HEL LOOKS und HELL LOOKS. Mit LOOK wollten
wir Aspekte des Stils und der Mode hervorheben, die uns wirklich wichtig
sind. Und es klingt einfach gut. Wir haben einen englischen Namen gewählt,
weil wir das Projekt von Anfang an als ein internationales verstanden
haben.
KULTURHUS BERLIN: Ihre Arbeit ist nicht in erster Linie ein Ausstellungsprojekt,
sondern ist hauptsächlich im Internet zu sehen (unter www.hel-looks.com).
Liisa Jokinen: Wir haben im Juni 2005 angefangen, Bilder zu machen und
diese ins Internet zu stellen. Unsere erste Ausstellung war dann im Herbst
2006.
KULTURHUS BERLIN:
Warum haben Sie mit diesem Projekt angefangen?
Liisa Jokinen:
Das hatte unterschiedliche Gründe. Es sind mehrere Dinge gleichzeitig
passiert. Vor allem waren wir schon immer sehr an Mode und Style interessiert
und auch an Fotografie, so dass es eine Art ideales Hobby für uns
darstellt. Angeregt wurden wir auch durch die Arbeit des japanischen Fotografen
Shoichi Aoki. Seine Zeitschriften und seine Aufnahmen von Straßenmode
in Japan waren eine große Inspiration für mich, vielmehr als
normale Modemagazine. Es war irgendwie einfach natürlich mit dem
Projekt anzufangen. Außerdem bemerkten wir im Sommer 2005 eine Veränderung
in Helsinki, die uns den letzten Anstoß gab, mit der Dokumentation
zu beginnen. Es war plötzlich etwas Besonderes auf den Straßen
zu merken, etwas, das Helsinki zu einem ganz besonderen Ort machte, etwas,
das man z. B. in Stockholm nicht sehen konnte. Die Straßen waren
sehr bunt, sehr lebendig.
KULTURHUS BERLIN: Worin genau liegt dieses Besondere? In einem Interview
sagte der japanische Fotograf, den Sie vorhin erwähnten, dass Mitte
der 1990er Jahre die jungen Japaner plötzlich angefangen haben, traditionelle
Kimonos in ihre Mode zu integrieren. Gibt es eine vergleichbare Bewegung
auch in Finnland?
Liisa Jokinen: Nicht in dem Sinne, dass ein traditioneller Stil in der
Mode erkennbar gewesen wäre. Nein, es hat eher damit zu tun, wie
wir sind, mit unserem Selbstverständnis. Wir vergleichen uns immer
mit den Schweden, ich werde es wieder tun, denn dadurch lässt es
sich leicht erklären: Die Schweden sind sehr an Mode interessiert,
folgen Trends und haben ein ausgeprägtes Markenbewusstsein. So etwas
sieht man nicht in Finnland. Wir machen gern unser eigenes Ding. Natürlich
folgen auch wir Modetrends, aber wir wollen ihnen unsere eigenen Regeln
einprägen und unsere eigene Version von Mode machen. Wir befolgen
nicht gern Autoritäten – und man kann sagen, dass Mode eine
Autorität ist –, sondern bestehen auf unserer Individualität
und auf unserer eigenen, verrückten Kreativität.
KULTURHUS BERLIN: Dennoch ist Schweden in gewisser Weise ein wichtiges
Land für die finnische Modeszene. In den Beschreibungen, die die
von Euch fotografierten Personen zu ihrem Outfit geben, ist oft zu lesen,
dass eines von den Kleidungsstücken in Stockholm gekauft wurde.
Liisa Jokinen: Ja, natürlich gibt es in Stockholm mehr Läden
als in Helsinki. Die Auswahl ist einfach größer. Und außerdem
macht es mehr Spaß, im Ausland einzukaufen als zu Hause.
KULTURHUS BERLIN: Ich möchte noch einmal auf den Begriff der Straßenmode
oder auch street fashion zu sprechen kommen. Woher kommt dieser Begriff?
Liegt dem ein breiteres Konzept oder eine Philosophie zugrunde?
Liisa Jokinen: Das ist wirklich eine schwierige Frage. Ich denke, street fashion hat ihre Ursprünge in den 1950er Jahren und deren Subkultur.
Junge Menschen, Teenager fingen an, ihren eigenen Stil zu prägen,
zogen sich nicht mehr so wie ihre Eltern an und vor allem entwickelten
sich auch eigene Marken für sie.
KULTURHUS BERLIN: Können Sie noch etwas über die Art und Weise
sagen, wie Sie arbeiten?
Liisa Jokinen: Ich nehme eigentlich immer eine Kamera mit. Wenn ich dann
jemanden auf der Straße begegne, den ich interessant finde, frage
ich ihn, ob ich ein Foto machen kann. Ich erkläre, was HEL LOOKS
ist, obwohl das oft gar nicht mehr notwendig ist, weil viele, besonders
die jungen Leute, HEL LOOKS schon kennen. Dann mache ich Fotos und stelle
ein paar Fragen zu dem persönlichen Stil, warum gerade diese Kleidung
für sie wichtig ist, nach Lieblingsdesignern und Lieblingsgeschäften.
KULTURHUS BERLIN: Wie wählen Sie Ihre Objekte aus? Hatten Sie dabei
negative Begegnungen?
Liisa Jokinen: Ich wähle einfach, was mir gefällt und was mich
neugierig macht. Es ist ganz leicht, die Entscheidung zu treffen. Ich
kann nicht genau erklären, warum er oder sie so besonders ist, aber
wenn ich jemanden sehe, dann weiß ich einfach, ob ich ihn fotografieren
möchte oder nicht. Manche, die ich frage, wollen überhaupt nicht
fotografiert werden. Andere meinen, sie hätten nicht ihr bestes Outfit
an und wollen lieber ein anderes Mal. Aber wir machen keine Verabredungen,
weil es uns auf dem Moment ankommt. Wenn ich Glück habe, treffe ich
ihn nochmals wieder.
KULTURHUS BERLIN: Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass dem Projekt
eine humanistische oder politische Idee zugrunde liegt.
Liisa Jokinen: Am Anfang dachten wir überhaupt nicht darüber
nach, warum wir mit dem Projekt angefangen haben und was noch dahinter
stecken könnte. Dann aber, vor allem als wir anfingen, diese Interviews
zu geben, fiel uns auf, dass wir etwas damit beabsichtigen, dass wir die
Leute ermutigen wollen, sich individuell anzuziehen, ihnen Inspirationen
zu geben. Und es funktioniert. Viele sagen, sie seien von uns inspiriert
worden. Wir bekommen z. B. E-Mails von jungen Menschen aus den USA. In
manchen Kleinstädten dort ist es nicht einfach, das anzuziehen, was
man mag. Und für manche sind wir dann eine Ermutigung, es doch zu
tun.
KULTURHUS BERLIN: Dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Menschen auf
Ihren Fotografien nur einen kleinen Ausschnitt aus der Bevölkerung
repräsentieren. Irgendwie wirken sie auf mich ein bisschen uniform.
Eigentlich sind mir nur zwei Bilder in Erinnerung, die nicht genau hineinpassen
– eine schwangere Frau in einem blauen Kleid von Marimekko und eine
ältere Dame im Pelz. Haben Sie mal überlegt, das Projekt zu
öffnen und eine breitere, aber auch vielfältigere Mode zu präsentieren?
Liisa Jokinen: Nein, das entspräche überhaupt nicht unserem
Ansatz. Es ist egal, wie alt einer ist. Es ist nur so, dass sich die Leute
mittleren Alters langweilig anziehen. Ich fotografiere einfach, was mir
auffällt, unabhängig vom Alter, von der Hautfarbe, von der Figur,
solange da dieses Besondere ist, das mich anspricht. Im Übrigen gibt
es mehrere Fotos von schwangeren Frauen.
KULTURHUS BERLIN: Es wäre vielleicht interessant, nicht nur in Helsinki
Aufnahmen zu machen, sondern auch in anderen Teilen von Finnland, um noch
weitere Aspekte in den Blick zu nehmen.
Liisa Jokinen: HEL LOOKS ist auf Helsinki beschränkt, aber wir haben
ein ähnliches Projekt in Tampere durchgeführt und Tampere Looks
kreiert. Aber wir haben einfach keine Zeit, herumzureisen. Am Anfang hatten
wir in der Tat überlegt, ob wir die Homepage nicht FINLAND LOOKS
oder FIN FASHION oder so ähnlich nennen sollen, aber dann wurde uns
schnell klar, dass das nicht zu bewältigen wäre. Aber es wäre
sicherlich spannend, wobei viele finnische Städte einfach zu klein
wären. Außer Helsinki gibt es eigentlich nur Tampere und Turku,
die interessant wären. Helsinki ist schon besonders.
KULTURHUS BERLIN: Und dann passierte, wie Sie gesagt haben, 2005 etwas
Besonderes in Helsinki. Was war das genau?
Liisa Jokinen: Es gibt ein Kunstmuseum im Zentrum von Helsinki, Kiasma,
und davor gibt es einen kleinen Park. Zu dieser Zeit haben junge Menschen
angefangen, dort herumzuhängen, auch Scateboarder, aber es war wirklich
überfüllt. Es war in den Ferien und sie waren den ganzen Tag
dort. Und als ich diese Jungen und Mädchen gesehen habe, fiel mir
auf, dass sie einfach anders aussahen. Es lag sicherlich auch an der Konzentration
an jungen Menschen, wenn man 100, 200 auf einmal sieht. Ich fragte mich,
wer sind diese Leute und woher kommen sie. Sie waren wirklich besonders,
vor allem eine Gruppe fiel mir auf: die glamour girls, die sich wie in
den 80er Jahren anzogen. Das ist ein bisschen merkwürdig, denn sie
wurden in den 80er Jahren geboren und ihre Eltern kleideten sich vielleicht
im glamour style, als sie jung waren. Es ist ein seltsamer Stil, mit toupierten
Haaren, Haarspray und auch die Jungen tragen Make-up, Glitter, enge Jeans.
Diese glamour girls gab es damals nur in Helsinki. Ein Jahr später
konnte man sie auch in Stockholm treffen, aber die waren enthusiastische
Finnland-Fans.
KULTURHUS BERLIN: Und waren sie nicht von der Modeindustrie geprägt?
Oder anders herum: Waren sie für das Design eine Inspiration? Gibt
es eine Wechselwirkung zwischen der Mode auf der Straße und den
Designers oder der industriellen Mode?
Liisa Jokinen: In Finnland gibt es nicht mehr viele große Modefirmen.
Die glamrock girls können also nicht davon beeinflusst gewesen sein.
Es gibt auch nicht so viele Designer. Aber natürlich verfolgen die
Designer unsere Seite. Aber nicht um die Ideen eins zu eins zu kopieren,
nicht um zu sagen: Ah, man trägt gelbe Jeans, also machen wir gelbe
Jeans, sondern weil sie darin interessiert sind, was die Leute an haben
und natürlich gibt es Dinge, die dann ihren Weg in die Kollektionen
finden. Und anders herum.
KULTURHUS BERLIN: Ihre Seite ist nicht kommerziell. Könnten Sie
sich vorstellen, sie als Werbeplattform auszubauen?
Liisa Jokinen:
Nein, das wollen wir nicht. Natürlich haben wir darüber nachgedacht,
aber wir wollen es wirklich als ein Hobby betrachten. Wir machen es nur
für uns selbst. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir unabhängig
von anderen sind. Und außerdem befürchte ich, dass viele Menschen
dann Nein sagen würden, dass vor allem junge Menschen sich nicht
mehr fotografieren lassen würden. Es ist ein Teil von unserem Konzept,
unabhängig zu sein, die individuelle Mode zu zeigen, nicht die großen
Modemarken und wir wollen damit die Menschen dazu bewegen, dass sie nicht
jedes Jahr neue Sachen kaufen, nicht jeder Mode folgen. Viele, die wir
fotografieren, kaufen ihre Kleider second hand, was wirklich eine Möglichkeit
ist, einen individuellen Stil zu prägen. (...) Natürlich wollen
wir auch die finnische Mode verbreiten und Helsinki „promoten“.
Wir sind sehr glücklich, dort zu leben.
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