| KULTURHUS BERLIN im Gespräch mit Anu Saari |
| „In Deutschland ist finnisches Theater unbekannt“ |
Anu
Saari ist Schauspieldirektorin beim Volkstheater Rostock. Sie studierte
von 1966 bis 1970 Regie an der Theaterhochschule in Helsinki und ist Mitbegründerin
der Theatergruppe „Penniteatteri“ in Helsinki. Zwischen 1975
und 1981 arbeitete sie als Regisseurin in Berlin, Gera, Zittau, Altenburg,
Cottbu; Göteborg, Malmö und Luleå (Schweden), sowie Helsinki
und Oulu (Finnland). 1990 wurde sie als Regisseurin am Staatstheater Cottbus
engagiert, wo sie ab 1991 persönliche Referentin des Intendanten Christoph
Schroth und als Geschäftsführende Regisseurin arbeitete. Von 2000
bis 2006 war sie in Oulu (Finnland) Intendantin des Stadttheaters und seit
2006 erneut freischaffende Regisseurin. Anu Saari war Dozentin für
Schauspiel u. a. in Berlin, Malmö und Helsinki, übersetzte für
das Theater aus dem Schwedischen und Deutschen ins Finnische sowie aus dem
Finnischen ins Deutsche. Seit 1968 entstanden in ihrer Regie mehrere Filme
für das finnische Fernsehen. KULTURHUS BERLIN: Nach welchen Kriterien haben Sie die Stücke ausgesucht, die auf dem Programm des Volkstheaters in Rostock stehen und standen? Anu Saari: Wir haben in Kooperation mit deutschen Dramaturgen
und Regisseuren für das Programm im Rostocker Volkstheater solche
finnischen Stücke ausgewählt, von denen wir glaubten, sie würden
auch das deutsche Publikum interessieren: „Populaarimusiikkia Vittulanjängältä“
(dt.: Populärmusik aus Vittula) war auch als Film ein Erfolg. „Mobil
Horror“ von Juha Jokela schien sehr aktuell nach dem Nokia Deutschland
verlassen hatte. KULTURHUS BERLIN: Das finnlandschwedische Theater hat in Finnland lange Tradition. Wird es auch in Rostock zu sehen sein? Dieses Mal wird in Rostock kein ursprünglich auf Schwedisch geschriebenes Werk gezeigt. Aber in diesem Zusammenhang kann ich sagen, dass viele Stücke des finnlandschwedischen Autors Bengt Alfors in Deutschland aufgeführt worden sind; auch gerade zur Zeit ist „Viimeinen Sikari“ (Die letzte Zigarre) im Programm des Stendal-Theaters. KULTURHUS BERLIN: Inwieweit differenzieren sich das deutsche und das finnische Theater – ästhetisch und thematisch? Es ist natürlich schwieriger zu generalisieren, je besser man die
beiden Theaterländer kennt. Denn das finnische Theater ist alles
Mögliche: amerikanische Musicals, englische Farcen und einheimische
Lustspiele neben Gegenwartsdrama. Es gibt aber Unterschiede, die sich
sichtbar machen. Das finnische Theater lässt zu, dass auf der Bühne
ziemlich alltägliche Themen behandelt werden; das Schwierige an dem
Zusammenleben von Mann und Frau, Probleme des Alltags in Familien, die
dazu führen, dass unser Leben so ist, wie es ist. Und das finnische
Publikum genießt es, diesen Geschichten von kleinen Menschen gemeinsam
zuzuschauen, über sie zu lachen und zu weinen, mit der Schlussfolgerung:
“Genauso ist es.“ KULTURHUS BERLIN: Sie haben oft und über längere Zeit in Deutschland gelebt und gearbeitet. Zudem übersetzen Sie aus dem Deutschen und ins Deutsche. Woher stammt Ihr Interesse an der deutschen Kultur und am deutschen Theater? Als ich anfing, mich für das Theater generell zu interessieren,
begegnete ich gleichzeitig den Stücken von Bertolt Brecht. Und meine
erste Regie noch als Schülerin war „Poikkeus ja sääntö“
(Die Ausnahme und die Regel), ein Lehrstück von Brecht. KULTURHUS BERLIN: 2002 bot das Stadttheater Oulu, dessen Intendantin Sie damals waren, ein einzigartiges Spektakel an, in dem die Zuschauer von 14 Stücken vier auswählen durften. Diese Produktion nannte sich „Vänmannin valinta“ und soll ideell von dem deutschen Regisseur Benno Besson stammen. Inwiefern hat das deutsche Theater Ihr Schaffen geprägt? Meine Arbeit in Deutschland hat sicherlich die Auswahl der Stücke für meine Regiearbeiten beeinflusst. Ich bemerke, dass mich mehr die Klassiker als das Gegenwartstheater interessieren, und vielleicht betrachte ich den Menschen auf der Bühne nicht so verzeihend wie das heutige finnische Theater. KULTURHUS BERLIN: Der Finnisch-Deutsch-Übersetzer Jukka-Pekka Pajunen meinte im Rahmen des Theatersommers in Tampere, dass das finnische Theater statt „feingeistiges Hoftheater und moralische Anstalt - wie es eher für das deutsche Theater zutrifft - ein Amateur– und Arbeitertheater“ sei. Stimmen Sie Pajunen zu? Ja, Jukka-Pekka Pajunen kennt das Theater beider Länder sehr gut. KULTURHUS BERLIN: Man kennt die finnische Musik (Sibelius und Heavymetal), einige Designer und Krimiautoren. Durch HELSINKISS letztes Jahr in Berlin ist das Interesse an finnischer Kultur gewachsen, allerdings gab es keine Theaterinszenierung zu sehen. Das finnische Theater ist in Deutschland auch sonst kaum bekannt, bis auf einige Ausnahmen wie Maria Kilpi, die sich durch Stückemärkte am Theatertreffen 2007 einen Namen machte. Können Sie einschätzen, warum dies so ist? Wie würden Sie den jetzigen Export des finnischen Theaters qualitativ und quantitativ bewerten? Das finnische Theater ist in Deutschland unbekannt. Obwohl, natürlich gibt es Theaterleute, die es immer interessiert hat. Und es kann sein, dass es auch fremd und fern bleibt. Aber ich glaube, dass genau das zu erkennen, dass wir in Europa nicht nur eine einheitliche Kultur haben, sondern dass wir ganz unterschiedlich in unseren Vorlieben sind, einleuchtend wirken kann. Kulturexport als ökonomischer Faktor hat mich eigentlich nicht interessiert. Mich hat vielmehr immer genau die Frage interessiert, wie groß der Unterschied beim Theatermachen – und Schauen - im deutschen und im finnischen Theater ist. Und ob wir, indem wir uns beidseitig kennen lernen, uns in Erstaunen versetzen können, an welche unterschiedliche Dinge wir im Theater denken, was wir genießen, und wann wir überlegen: „Hey, wieso halten wir so unterschiedliche Sachen im Theater für gut?”. Die Geschichte von Robinson Crusoe ist bekannt; Robinson läuft schneller, und Freitag schöner. Kann überhaupt jemand sagen, was die beste Weise ist? Das Gespräch führte Jenniina Ylonen |
Das Interview führte
Inken Dose im November 2008. |
| Sollten Sie diese Seite außerhalb der Website vom
KULTURHUS BERLIN geöffnet haben, hier erreichen Sie uns: |