| Kulturhus
Berlin: Die Schwedische Schule feiert am 5. Mai ihr 100jähriges
Bestehen. Kulturhus Berlin gratuliert herzlich! Doch erklären Sie
uns zunächst: Was ist anders an Ihrer Schule?
Liv Jofjell: Wir unterrichten
nach schwedischem Lehrplan, das heißt, die Unterrichtssprache ist
Schwedisch, es gibt schwedische Gesellschaftskunde, Englisch ab der 1.
Klasse und natürlich auch sehr intensiven Deutschunterricht. Bei
uns lernen Kinder, die in Berlin leben und in zweisprachigen Familien
aufwachsen, in denen mindestens einer der Eltern schwedischer Staatsbürger
ist oder auch schwedische Kinder, die mit ihren Eltern nur kurzzeitig
in Berlin und Deutschland sind. Wir sind eine Grundschule und unser Unterricht
geht bis zur sechsten Klasse. Zur Zeit lernen bei uns 25 Schüler.
Wir sind also eine sehr kleine Schule - insofern sind wir nicht typisch
schwedisch. Wir unterrichten deshalb in altersgemischten Gruppen. Bei
uns ist das besondere, dass eben oft Kinder kommen und Kinder wieder gehen,
aber einige bleiben auch länger. Ab der Oberstufe können Kinder
bei uns schwedischen Fernunterricht erhalten. 40 Schüler erhalten
nachmittags Schwedisch-Unterricht bis zum Abitur, sie haben dann das deutsche
Abiturzeugnis mit dem Fach Schwedisch. Für uns ist es wichtig, die
Kinder, die länger in Berlin bleiben, gut auf den Wechsel in die
deutsche Schule vorzubereiten.
Kulturhus Berlin:
Gibt es Probleme, wenn die Kinder nach der Grundschule auf deutsche Schulen
wechseln?
Liv Jofjell: Es ist
vor allem die Umstellung auf die Andersartigkeit des Unterrichts. Und
für die Kinder ist es meist ein hartes erstes Halbjahr. Man denkt
ja auch in einer anderen Sprache. Der Mathematikunterricht ist bei uns
auch etwas anders. Und sie müssen sich erst daran gewöhnen,
den Lehrer mit Herr oder Frau und nicht mit dem Vornamen anzureden. Aber
der große Vorteil für unsere Kinder ist, dass sie gutes selbständiges
Arbeiten in altersgemischten Gruppen gewohnt sind und dass sie sehr gute
Englischkenntnisse haben. Kommunikation und Sprache ist ihre Stärke.
Kulturhus Berlin:
Können auch Kinder auf die Schwedische Schule gehen, die keine schwedischen
Eltern haben?
Liv Jofjell: In Ausnahmefällen
geht das. Aber dann muß es einen wichtigen Grund geben, also etwa,
dass man nach Schweden auswandern möchte. Ein Schulbesuch, lediglich
um schwedisch zu lernen, ist nicht möglich. Und das ist auch nicht
im Sinne der Kinder. Denn sie können nicht in Deutschland in einer
isolierten Scheinwelt leben, zu der es sonst keinerlei Beziehung gibt.
Wir möchten nicht, dass falscher Ehrgeiz der Eltern den Kindern möglicherweise
schadet.
Kulturhus Berlin:
Wie kam es, dass vor einhundert Jahren eine Schwedische Schule nach Berlin
kam?
Liv Jofjell: In Hamburg
gibt es auch eine Schwedische Schule, aber die Schwedische Schule in Berlin
ist die ältere in Deutschland. Es hängt zusammen mit der Gründerzeit,
als sehr, sehr viele schwedische Handwerker nach Berlin kamen. 1903 wurde
die Schwedische Victoriagemeinde in Berlin gegründet. Sie hatte ja
Kontakt mit vielen Familien, und weil man die Verbindung nach Schweden
nicht abreißen lassen mochte und die Menschen ihrem Heimatland erhalten
bleiben sollten, kam man auf die Idee, eine Schwedische Schule zu gründen.
Anfangs gingen die Kinder auf ganz normale deutsche Schulen und nachmittags
ein- oder zweimal in der Woche zum Schwedisch-Unterricht. Oder aber die
Lehrerin fuhr zu den Familien, und dort bildete man dann Schülergruppen.
Auch für die eingeheirateten deutschen Mütter gab es Schwedischunterricht.
Man organisierte für die Kinder Sommerferien in Schweden. Und man
wollte, dass die Wurzeln, die Identität erhalten blieben. Ab ungefähr
1910 unterstützte der schwedische Staat die Schule, und seitdem ist
sie in staatlicher Obhut. Als in den 30er Jahren, der aufblühenden
Nazizeit, immer mehr Eltern ihre Kinder nicht in deutsche Schulen schicken
wollten, begann der Ganztagsunterricht.
Kulturhus Berlin:
Gibt es auch eine norwegische oder dänische Schule in Berlin?
Liv Jofjell: Es gibt
norwegischen Nachmittagsunterricht für Kinder. Aber die Schwedische
Schule ist die einzige skandinavische Einrichtung dieser Art in Berlin.
In der Schule sind auch Kinder aus den anderen skandinavischen Ländern.
Das ist möglich, weil es dafür ein entsprechendes Abkommen zwischen
diesen Ländern und Schweden gibt. Insgesamt gibt es 35 schwedische
Auslandsschulen auf der ganzen Welt, nicht nur in Europa, auch in Afrika,
Südamerika, Asien. Der schwedische Staat unterstützt diese Schulen.
Gedacht sind sie für Kinder skandinavischer Staatsbürger, die
im Ausland eine Periode arbeiten, und beim Zurückkommen problemlos
im gewohnten Schulsystem weiterlernen können.
Kulturhus Berlin:
Aktuell macht die Rütli-Hauptschule in Berlin Schlagzeilen. Welche
Position vertreten Sie als in Deutschland lebende Skandinavierin in der
Frage?
Liv Jofjell: Ich sehe
es problematisch, dass in Deutschland Kinder sehr früh in Haupt-,
Real- und Gymnasialstufe eingestuft werden. Ich hatte selbst zwei Kinder
auf einer deutschen Schule und fand das sehr schwierig. Diese frühzeitige
Segmentierung halte ich für falsch. Es ist wichtig für Kinder,
eine Identität zu finden, Vorbilder durch Leistungsstarke zu haben.
Mit dieser Selektierung aber wird ein Kind viel zu früh im Leben
festgelegt. Das versucht man in Schweden mit der 9jährigen Grundschule
zu vermeiden und die Kinder nach ihren individuellen Fähigkeiten
zu fördern.
Kulturhus Berlin:
Ist das der Hauptunterschied zwischen schwedischem und deutschem Bildungssystem?
Liv Jofjell: Ich denke
schon. Es ist diese andere Denkweise. Wir haben in Schweden das Gesamtschulmodell
in den 50er Jahren eingeführt. Ich war übrigens damals Schülerin
im ersten Jahrgang nach der Abschaffung des alten Systems. Gefördert
wird mit der Gesamtschule das Soziale, das selbstverständliche Miteinanderleben,
der Kontakt unterschiedlicher gesellschaftlicher Klassen. Ich finde es
nicht gut, wenn nur die sozial Bessergestellten aufs Gymnasium kommen,
obwohl ihre Leistungen vielleicht gar nicht so gut sind, man sich aber
teuren Extraunterricht leisten kann.
Mit dem wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands in den 60er und 70er Jahren
hat man das dreigliedrige Schulmodell geschaffen, es war für die
die damalige Gesellschaftsstruktur wunderbar, und dabei ist man geblieben.
Aber die Gesellschaft in Deutschland hat sich geändert. Gute Jobs
sind rar. Und die Schule muß auf die veränderten Herausforderungen
reagieren.
Wir hatten in Schweden lange Zeit eine sozialdemokratische Regierung,
die sicher auch die Gesellschaft ideologisch beeinflusst hat. Doch die
Schulreformen fanden nicht in einer erhitzten politischen Debatte statt,
sondern waren sehr gestützt auf Ergebnisse pädagogischer Forschungen,
die sich mit Entwicklung von Kindern befaßte. Danach wurde der Unterricht
geplant und sich am Gesamtschulmodell orientiert.
Kulturhus Berlin:
Gibt es in Schweden keine Bildungsdebatte?
Liv Jofjell: Doch.
Wir haben auch Probleme, Gewalt an Schulen nimmt zu. Der Zugang zum Arbeitsmarkt
wird schwieriger. Aber die Gesamtschule gehört fest zu Schweden.
Schule ist in ständiger Entwicklung. Und wir möchten in Schweden
eher die Mängel beheben, die die Pisa-Studie aufgedeckt hat: Unterschiede
zwischen Jungen und Mädchen, Unterschiede in den Regionen, Unterschiede
zwischen Einwandererkindern und Eingeborenen. Das möchten wir immer
verbessern.
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