| Interview |
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| „Dann
erzählen sie einem alles.“ |
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Volker Koepp zählt zu den wichtigsten und produktivsten Dokumentarfilmern unseres Landes. Seine auch international erfolgreichen Filme werden regelmäßig auf Festivals im In- und Ausland gezeigt und ausgezeichnet. Bekannt wurde er mit seiner großartigen Langzeitdokumentation über Textilarbeiterinnen in Wittstock, die er 1974 als Regisseur im Auftrag des DEFA-Studios für Dokumentarfilm in Potsdam-Babelsberg begann. In diesem Sommer läuft sein neuester Film „Söhne“ in den Kinos. KULTURHUS BERLIN: Das Thema Ihrer Filme sind vergessene Regionen Europas. Gegenden, die nicht gerade in unserem Blickwinkel sind und die zu den ärmsten Europas zählen. Ostpreußen, Masuren, die Kurische Nehrung, Polen, Hinterpommern, Litauen und - die Uckermark. Die Hoffnungslosigkeit und den Zerfall zu dokumentieren - wie kann man das, ohne melancholisch zu werden? Volker Koepp: Diese Hinwendung zu bestimmten Landschaften
hat ja – wenn man es kulturhistorisch sieht – schon etwas
mit Melancholie zu tun. Die Landschaft nördlich Berlins bis Ostpreußen
ist sehr ähnlich. Da ist die Ostsee. Da ist die Geschichte, die hier
wie dort bis 1945 bestimmte Ähnlichkeiten hat. Die von Gütern
geprägte Struktur beispielsweise. Die größeren Flächen,
die die Landschaft auch geprägt haben. (Das vollständige Interview von Ulrike Schulz lesen Sie hier.) KULTURHUS BERLIN: Ihre Filme aber sind nicht demotivierend. Volker Koepp: Nein, und ich gehe immer davon aus, daß es auch für diese Gegenden noch Hoffnung gibt. Ich versuche das Leben von Menschen zu beschreiben, und das Leben ist ja einfach heiter auch. Mein Vorteil ist es natürlich, daß ich immer Filme mache über Menschen, die ich mag und die ich gewissermaßen anderen Menschen auch empfehlen möchte. Insofern ist es nicht ganz so furchtbar. KULTURHUS BERLIN: Wie treffen Sie diese Menschen? Volker Koepp: Ich fahre einfach durch die Landschaft. Meist fallen mir Leute auf. Inzwischen kenne ich auch ein Ganzteil. Wir machen meist vorher eine kurze Recherche, vor Ort ist immer schon jemand, mit dem wir reden. Dann fangen wir an einem Ort an, und so entwickelt sich das. Da ist auch die Anspannung immer größer. Anders ist das bei Filmen mit stärker porträthaften Zügen, wie bei “Söhne”. Darin geht es um fünf Brüder und deren Mutter, die zwei ihrer vier Söhne zurückgelassen hat, als sie 1945 aus Polen floh. Da standen die Figuren weitgehend fest, wobei ich generell aber vorher nie so genau wußte, was ich fragen würde, weil das immer ein bißchen von der Stimmung abhängt. Das ergibt sich dann einfach. Sie haben mir dann hinterher auch gesagt, daß sie es komisch fanden, weil ich fast nie etwas gefragt habe. KULTURHUS BERLIN: Man hört Ihre Stimme sehr wenig in den Filmen. Fällt es Ihnen leicht, sich zurückzunehmen? Volker Koepp: Ich rede eigentlich nicht so viel und eigentlich auch nicht so gerne. Ich frage ja auch nicht so viel meist. Manchmal reicht es, wenn man fragt, wie es so im Leben steht. Dann erzählen sie einem alles. Man muß nicht so viel fragen, glaube ich. Wenn man die Leute mag, merken sie das. Natürlich geht es nicht, ohne zu reden. KULTURHUS BERLIN: In Ihren Filmen erzählen die Menschen. Sie müssen ein großes Gespür dafür haben, was diese Menschen zu sagen haben, Sie müssen sich ja auf sie verlassen können ... Volker Koepp: Als ich begann Filme zu machen, war meine Angst auch größer, ob das alles aufgehen wird. Angst habe ich immer noch, aber ich merke es jetzt wahrscheinlich einfach schneller, ob es funktioniert, ob ich mich darauf verlassen kann oder ich den Kreis von Personen erweitern muß. KULTURHUS BERLIN: Die Menschen sind überall anders. Wie anders sind sie dort, wo Sie drehen? Volker Koepp: Einerseits erinnert es mich daran, wie
wir in den 70ern in Mecklenburg gedreht haben und die Leute dem Medium,
dem Film gegenüber viel aufgeschlossener waren. Es war sehr unkompliziert.
Genauso ist es heute weiter im Osten. Man hat nicht so sehr Angst, keine
Scheu vor Medien. Bestimmtes habe ich auch wiedergefunden. Wie in Mecklenburg,
wohin nach dem Krieg die Flüchtlinge aus dem Osten gekommen waren
und ganze Dörfer, ganze Landstriche beherrschten. Zum anderen ist
es auch, daß der Krieg auch zwanzig, dreißig Jahre nach seinem
Ende hier immer noch näher ist. Das ist in Polen so, und das ist
auch im russischen Teil Ostpreußens noch so. KULTURHUS BERLIN: Wie nehmen Sie diese Länder, diese Regionen "am Rande" wahr? Volker Koepp: Vor hundert Jahren war es dort ja nicht so wichtig, welcher Nationalität man angehörte. In diesen Gegenden, wo Deutsche, Polen, Litauer, Juden durcheinander und miteinander gelebt haben, sind ganze Bevölkerungen ausgetauscht worden. Durch den Krieg. Und durch Stalins Nationalitätenpolitik, wo es unter der Oberfläche dann aber ganz anders aussah, als in den offiziellen Verkündungen, wo sich alle Völker so wunderbar verstanden. Da gab es auch nicht so einen freundlichen Umgang. Wenn jemand aus Kirgisien auftauchte, waren das für die Russen nur die “schwarzen Leute”. Also es war nicht so prima. Es gibt nach wie vor diese vielen unterschiedlichen Nationalitäten, im nördlichen Teil von Ostpreußen sowieso. Die Leute, die dort jetzt wohnen, kommen aus allen möglichen Regionen der früheren Sowjetunion. Russen, Ukrainer, Litauer, Menschen aus Zentralasien. In Hinterpommern leben arme Leute, und es gibt Leute, die Güter betreiben. Masuren war schon immer relativ arm, weil es dort nie besonders guten landwirtschaftlich nutzbaren Boden gab. KULTURHUS BERLIN: In Ihren Filmen begegnen wir immer wieder Menschen, die auf ganz unterschiedliche Art von den Folgen des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit betroffen sind. Warum interessiert Sie gerade dieser Aspekt? Volker Koepp: Erst hatte ich mir das gar nicht so überlegt. Ich habe damals einfach nicht gedacht, daß so etwas so lange nachwirkt. Daß bei jedem etwas schärferen Luftzug der Geschichte immer wieder alles, diese Ressentiments, hochkommt, ist für mich schon erstaunlich. Dieser Zweite Weltkrieg und seine Folgen, diese Verschiebungen ganzer Bevölkerungsgruppen wirken so nach. Es dauert schon noch eine Weile. Und dann stellt man sich immer noch überhaupt nicht vor, daß eine solche Region ein Krisenherd für Europa werden könnte. Es ist schon wichtig, dieses Verhältnis Deutschland und Polen und Rußland. Genauso wie das zu Frankreich, aber das funktioniert ja. KULTURHUS BERLIN: Zwölf Millionen Menschen sind zum Ende des Krieges und danach aus den Gebieten östlich der Oder in das übriggebliebene Deutschland geflohen. Es gibt Regionen, die einst zu Deutschland gehörten, heute Teile anderer Länder sind. Wie kann man diese Frage künstlerisch angemessen behandeln, ohne reaktionäre, revanchistische Gedanken zu schüren? Hatten Sie Angst, in die revanchistische Ecke gestellt zu werden? Volker Koepp: Nein, überhaupt nicht. Mein Interesse dafür kam - ich bin zwar in Stettin geboren - nicht aus einer solchen Absicht. Ich kannte viele Flüchtlinge, die waren ja überall. Aber sie haben damals nie so viel darüber gesprochen. Bei Heiner Müller heißt es auch nicht Flüchtling, sondern Umsiedler ... KULTURHUS BERLIN: ... hat sein Stück “Die Bauern” Sie beeinflußt? Volker Koepp: Ja, ich habe auch die Auseinandersetzung mitbekommen. Aber man wußte auch, daß es später ein bißchen ein Tabuthema war – in Ost und West. Auf der anderen Seite, es waren so viele da in der kleinen DDR. In jedem Dorf waren ja Flüchtlinge. Als ich im Westen “Kalte Heimat” zeigte, stellte eine sogenannte linke Filmemacherin aus Westdeutschland mir eine scharfe Frage, ob ich´s denn wiederhaben will. Darauf muß man erst einmal kommen bei dem Film. Naja. Im Westen war es eben auch politisch nicht in Ordnung, wenn man sich damit beschäftigte. Aber das hat mich damals wirklich nicht tangiert. Vielleicht ist es bei den Ostpreußen auch ein bißchen einfacher als bei den Sudetendeutschen, ich weiß es nicht. Dann habe ich mal böse Briefe von Heimatvertriebenen bekommen. Aber eigentlich habe ich viele geeint. Es gibt in dem Sinne keine Angriffsfläche, weil ich ja auch, wenn ich bestimmte Sachen beschreibe und bezeichne, keinen vordergründigen Text mache, sondern es muß im gedrehten Material stecken. Insofern habe ich mich da bewußt auch nicht drum gekümmert, wie man es auslegen kann. Es steckt diese Geschichte des 20. Jahrhunderts drin. Wer nun daran Schuld hat, ist ja auch irgendwie klar. KULTURHUS BERLIN: Das ist auch Ihr Verdienst, daß Sie in diese Auseinandersetzung einen neuen Blick gebracht haben. Vertriebene, Flüchtlinge, Umsiedler - keines dieser Worte beschreibt wohl den historischen Tatbestand eigentlich richtig. Haben Sie einen passenden Begriff? Volker Koepp: Ein Teil ist geflüchtet, ein Teil ist vertrieben, zwangsweise umgesiedelt ist auch ein großer Teil. Aus dem litauischen Teil sind nicht alle Deutschen ausgesiedelt worden, da habe ich noch eine ganze Reihe getroffen. Also es war regional oftmals völlig unterschiedlich. In den Masuren war es wiederum ganz anders. Ich weiß nicht, was es für einen Begriff geben kann, der das alles beschreibt. Aber daß nun jedesmal, wenn ein Medienereignis daraus gemacht wird, wie “Die Flucht” oder das Buch von Grass, getan wird, als wenn all das das erste Mal öffentlich besprochen wird, finde ich merkwürdig. Eigentlich finde ich es ganz normal, öffentlich darüber zu sprechen und sich damit zu beschäftigen. KULTURHUS BERLIN: Wobei die Befürchtungen von polnischer Seite durchaus verständlich sind, oder? Volker Koepp: Dass sie fürchten, wieder aus ihren Häusern zu fliegen, daß sie Vorbehalte haben, ganz klar. Das hat auch mit arm und reich zu tun. KULTURHUS BERLIN: Zu den Koepp-Filmen gehören die eindringlichen Bilder, die weiten Landschaften, eine konzentriert erzählte Geschichte. Filme, die die menschliche Seite zeigen, mit Trotz und auch mit Komik. Wie wichtig ist Ihnen diese Komik? Volker Koepp: Mir sagte einmal ein Pole auf Deutsch: Glücklich ist, wer nie verlor, im Kampf des Lebens den Humor. Wenn ich versuche, etwas bei den Leuten herauszufinden, dann sind heitere Sachen immer Teil des Lebens. Gerade, wenn es schwer ist. Dann gehört das auch mit dazu. Dieses sich verständigen über Witze, das gehörte ja im Osten Deutschlands auch dazu. Die Leute lachen ja auch gerne.
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| Das Gespräch führte Ulrike Schulz | ||