Rezension

 

Künstlerglück in Riga. Ein lettisches Buch aus den Dreißigern ist jetzt erstmals auf Deutsch erschienen

Cover

Anšlavs Eglitis
Homo Novus.
Ein Künstlerroman aus dem Riga der dreißiger Jahre

Weidle Verlag Bonn 2006
(deutsche Ersterscheinung)

Übersetzt und mit einem Nachwort von Berthold Forssman

535 Seiten
23,00 €

ISBN: 978-3-931135-90-4

Lettischer Originaltitel:
Gramatu draugs
Apgads, New York, 1946

Der Untertitel der deutschen Ausgabe Ein Künstlerroman aus dem Riga der dreißiger Jahre verrät bereits, dass uns der Autor in eine Welt zurückführt, die bei Entstehen des Romans während der letzten Kriegsjahre bereits untergegangen war. Ein äußerst lebendiger Roman mit sehr eindrücklichen, ausgeschmückten Szenen und allen nur erdenklichen Ingredienzien, die das Künstlerleben während der kurzen Zeit der lettischen Unabhängigkeit auf witzige und charmante Weise wiedererstehen lassen.

Hauptfigur des Romans ist der 24 Jahre junge Maler Juris Upenajs aus dem kleinen Ort Cesvaine in der Provinz Lettgallen, deren BewohnerInnen ähnlich wie die OstfriesInnen hierzulande gerne als etwas rückständig veralbert werden. Seinen künftigen Anteil am Erbe des elterlichen Bauernhofs hat er bereits für sein Studium an der Kunstakademie von Daugavpils (deutsch: Dünaburg), der zweitgrößten, jedoch weit abgelegenen Stadt Lettlands, aufgebraucht. Für ihn gibt es nur ein Ziel: als Künstler das blühende Riga zu erobern. Und wie er gleich am Tage seiner Ankunft noch als die Unschuld vom Lande beginnt, das Milieu der KünstlerInnen und Bohemiens – zwei Frauen sind auch darunter – unversehens auf den Kopf zu stellen, bleibt kein Zweifel daran, dass ihm sein Vorhaben schließlich auch gelingen wird. Der/die LeserIn begleitet den ehrgeizigen und als Mensch doch sehr bescheidenen Newcomer durch sein Gesellenjahr mit alle Hochs und Tiefs, dem Abgrund gefährlich nahen Situationen und durchschlagenden Erfolgen in der durchaus arroganten hauptstädtischen Kunstszene. In dieser dominiert neben den VertreterInnen der zeitgenössischen Kunstrichtungen ein reicher Dandy das Geschehen, der sich als reicher Erbe wähnt und als künftiger Mäzen der KünstlerInnen aufspielt, ein äußerst cleverer und durchtriebener Agent, ein Entrepreneur und Veranstalter von Ausstellungen, ein Caféhaus namens Timbuktu, in dem alle Neuigkeiten aus der Künstlerwelt sofort kursieren und eine Industriellenfamilie, an der niemand auf dem Weg zum Erfolg vorbeikommt. Konsequent wird jeder Charakter auseinandergenommen und ihm nach und nach der wohlverdiente Platz zugewiesen.

Vermutlich war es aber die Absicht des Autors, dem in seiner Existenz bedrohten Lettland die Eigenschaften des strahlenden jungen Helden als Werte in die Seele zu schreiben. Dieser zeichnet sich zwar durch die Tugend der Bescheidenheit aus, legt jedoch in denjenigen Dingen gar keine Bescheidenheit an den Tag, die er für seine künstlerische Entwicklung und seinen Durchbruch benötigt. Mit Ausdauer, Glaube an sich selbst, Liebe zu seiner Kunst und – nicht zu vergessen – mit seinem Talent gelingt es ihm, ans Ziel zu kommen. Zum Schluss hat er daher die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Hoffnung und Aussicht auf eine Umkehrung der äußeren Zustände erhalten Nahrung, wie es Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg oftmals nicht mehr vermag.

Da der Roman erstmalig im Ausland publiziert wurde, ist er zu den frühen Werken der lettischen Exilliteratur zu zählen, wenngleich er noch während des Krieges in Lettland geschrieben und abschnittweise in einer Zeitung veröffentlicht werden konnte. In Lettland selbst konnte er erst 1992 nach der Unabhängigkeitserklärung wieder erscheinen. Die Sehnsucht nach der Zeit der Unabhängigkeit ist deutlich spürbar, die nicht durchgängig so glorreich gewesen sein kann wie es bei der Lektüre des Romans scheint.

Eine in sich abgeschlossene Geschichte und ein stringent und gekonnt durchkomponierter Entwicklungsroman, der reflexives Gedankengut nur dort enthält, wo es zum Verständnis der Entwicklung beiträgt. Da jeder und jedem in der Gesamtkomposition eine besondere Rolle zugedacht ist, bleibt die stattliche – männerdominierte – Personengalerie trotz der unvertraut klingenden Namen gut überschaubar. Orgien, Bissigkeit und der heftige Sarkasmus in den ironischen Dialogen der Künstler untereinander wirken äußerst modern. Gänzlich unvergesslich bleibt die Ofenrohrszene, in welcher der junge Künstler gleich zu Anfang laut und unmissverständlich ankündigt, was von ihm noch alles zu erwarten ist.

Ein Roman, der unbedingt verfilmt werden müsste.

  Margerita Bube
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