| Rezension |
|
|
Das schöne neue Litauen: Jurga Ivanauskaite – Placebo |
Jurga Ivanauskaite Aus dem Litauischen von Markus Roduner Taschenbuch ISBN-10: 3423244534 Preis: 16 € |
Julija zu sich kommt, ist alles irgendwie anders. Die Proportionen sind verschoben, alle Aggregatzustände scheinen aufgelöst, sie schwebt an der Zimmerdecke, bis sie sich selbst im Sessel sitzen sieht mit einer Kugel im Kopf. Da ahnt sie: sie ist tot! Besser kann ein Krimi kaum beginnen. Der Tod der schönen Wahrsagerin Julija, Liebling der High Society in Vilnius, ist das beherrschende Thema in der litauischen Hauptstadt. War es Selbstmord? Oder Mord? Die Personen, die sie bis zuletzt begleiteten und ihr nahe standen, versuchen die Umstände ihres überraschenden Todes zu ergründen. So lässt die Autorin die Protagonisten, sich Abschnitt für Abschnitt brav abwechselnd, die Zeit nach dem Tod der Wahrsagerin revuepassieren, unterbrochen durch häufige Rückblenden. Dazwischen rekapituliert die Verblichene auf der Reise zwischen nicht mehr existent und noch nicht tot ihr Leben. Selbst die Katze der Dahingeschiedenen, offenbar die Reinkarnation einer ägyptischen Königin, kommt zu Wort. Die verhuschte, arg verunsicherte und verklemmte Journalistin Rita glaubt nicht an die offizielle Suizid-Variante und recherchiert weiter. Die ungleichen Brüder Maksas und Tadas, der eine Popstar und Werbeikone, der andere introvertierter Esoteriker, waren der Verstorbenen in gleicher Weise nahe, reflektieren ihre Beziehung zu Julija und jeder damit ein Stück seines Lebens. Bis hierher könnte diese Konstellation, wie im Klappentext angekündigt, „ein breit angelegtes Bild des modernen Litauen“ entwerfen oder „eine Polyphonie der Schicksale, der Stimmen und Gesichter“ sein. Fünf Figuren plus Katze – eine Polyphonie? Repräsentativ für das ganze Land? Alle sind das, was wir die werberelevante Zielgruppe nennen: erfolgreich und konsumorientiert. Dann, zu allem Überfluss taucht noch ein gewisser Er auf, der, wie sich bald herausstellt, Agent der weltweit operierenden Geheimorganisation Placebo ist, die mittels Manipulation den globalisierten Menschen zu einer uniformen, den Idealen der Werbung entsprechenden Spezies gleichschalten will. Der aufmerksame Leser fühlt sich an Huxley und Orwell erinnert, um fünfzig Seiten später zu erfahren, dass Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ Placebo als Bibel dienen. Aha! Da verwundert es dann auch nicht, wenn sich der längst gehegte Verdacht bestätigt, dass alle Figuren außer der Katze von Placebo ferngesteuert sind. Ob Rita, Maksas oder Tadas den tödlichen Schuss auf Julija abgegeben haben, interessiert dann auch nicht mehr wirklich. Für einen Krimi fehlt die stringente, Spannung aufbauende Erzählweise,
zumal viele Entwicklungen der Geschichte von Beginn an vorhersehbar sind.
Man glaubt der Autorin durchaus die ehrliche Absicht, Konsumterror, Gleichschaltung
und Medien zu kritisieren. Nur bedarf es dazu nicht des völlig überflüssigen
Konstrukts einer weltumspannenden Sekte. Zudem scheint die Autorin ihren
Lesern zu misstrauen, indem sie allzu viel erklärt. Placebo ist ein
Buch der vertanen Chancen. Schade! |
| Gabriela Friedrich | |
| Sollten Sie diese Seite außerhalb der Website vom Kulturhus Berlin geöffnet haben, hier gelangen Sie zurück: www.kulturhus-berlin.de | |