| Rezension |
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„Displaced Persons“ in Greven. Ein lettisches Ehepaar erfährt die Wirklichkeit bei Kriegsende in Deutschland |
Janis Jaunsudrabinš Waxmann Verlag 2006 ISBN Originaltitel: Lettische Originalausgabe: Ziemelblazma (Exilverlag
in Schweden) |
Hinter diesem allgemeinen Titel verbirgt sich die autobiographische Erzählung des bekannten lettischen Autors Janis Jaunsudrabinš von den Jahren der Flucht aus dem sowjetisch besetzten Lettland und dem Überleben am Ende des Krieges und der folgenden Jahre bis hin zur Ankunft in der letzten Heimstätte auf dieser Erde: dem sogenannten Mondscheinhaus am Möhne-See im Sauerland. 68 Jahre ist der Autor alt, als er zusammen mit seiner Frau Natalija Jaunsudrabina, genannt Nate, im Jahr 1944 vor der heranrückenden Roten Armee flieht. Bereits auf dem Fußweg nach Riga treten die ersten bedrohlichen Schwierigkeiten auf, die nur mit Glück überwunden werden. In Riga erhält das Ehepaar gerade noch Fahrkarten für das letzte Schiff, das die Stadt in Richtung Deutschland verlässt und entgegen der Befürchtungen gänzlich unversehrt den Danziger Hafen erreicht. Dort angekommen erleben sie dann die deutsche Wirklichkeit zum Schluß des Krieges mit – Bombenwarnungen, Bunker, Bombenhagel. Bielefeld, wo bis vor kurzem die Eltern des Schwiegersohnes lebten, war gerade dem Erdboden gleichgemacht worden. Schließlich kommen sie bei einer Verwandten des Schwiegersohnes unter, deren Geiz, Geldgier und Ausländerfeindlichkeit nicht einmal vor dem körperlichen Verfall des älteren Ehepaares Halt macht. Eine weitere Station ist das kleine Bauerndorf Werfen, bevor sie sich mehr oder weniger freiwillig in das Lager für „Displaced Persons“ in Greven aufmachen, in welchem Letten, Litauer, Esten und Polen auf engem Raum zusammen leben. Bei aller Härte des Daseins entsteht ein aus heutiger Perspektive erstaunlich aktives kulturelles Leben. Um dem Lagerleben schließlich wieder zu entkommen gelingt es im Jahr 1949 unter schwierigsten Umständen, in einem Sommerhaus am Möhne-Stausee Unterschlupf zu finden, in welchem sie sich trotz der großen Entfernungen schließlich wohl fühlen und zur Ruhe kommen können. Lesenswert ist die Geschichte auch deshalb, weil sie die Realität der ausländischen Flüchtlinge zu dieser Zeit in Deutschland darstellt und hier einige Parallelen zur heutigen Situation von Flüchtlingen auftreten: Die Jaunsudrabinš zahlen in Lettland wie in Deutschland einen hohen Tribut an die Menschen, auf deren Hilfe sie um des Überlebens Willen angewiesen sind, sie werden von sehr vielen Deutschen als Menschen zweiter Klasse behandelt, kommen immer als letzte an die Reihe und benötigen am Möhne-See eine Zuzugsbescheinigung, da sie sich als Ausländer nicht an einem anderen Ort niederlassen dürfen, um dem neuen Ort wirtschaftlich nicht zur Last zu fallen. Interessant ist ein Vergleich mit heute auch dort, wo Janis Jaunsudrabinš seine Erlebnisse mit deutschen Kindern, d. h. Jungen, darstellt. Er beschreibt diese durchweg als ausgesprochen ungezogen – die Reaktion der Mütter: „Ja, was soll ich denn mit ihnen anfangen? Hören sie denn auf mich? Der Vater ist im Krieg ...“(Zitat Seite 156). Hat man diese Reaktion abgesehen vom angefangenen dritten Satz nicht auch schon oft gehört? Trotzdem ist der autobiographische Bericht keine Anklage, sondern gibt so manche Begebenheit sogar mit einer guten Portion schwarzem Humor wieder. Kleine Details enthalten eine geistreiche Situationskomik – ohne diese Fähigkeit wäre das Leben sicherlich nicht mehr auszuhalten gewesen. Ob der Text, da von einem Schriftsteller verfasst, stets präzise die Erinnerungen wiedergibt oder sich auch hier und da einiger literarischer Mittel und inhaltlicher Änderungen bedient, mag dahingestellt bleiben. Im Schlusskapitel stellt der Autor noch einen Disput zwischen seiner Frau und ihm hinsichtlich der unterschiedlichen Sichtweise des Verhaltens der Menschen ihnen gegenüber dar, mit denen sie während dieser fünf Jahre zu tun hatten. Der Übersetzer hat den Text zur besseren Verständlichkeit mit
zahlreichen Fußnoten versehen. Deren Notwendigkeit ergibt sich nicht
nur daraus, dass der Bericht für ein lettisches Lesepublikum verfasst
wurde, sondern auch aus der miserablen Qualität der Erstveröffentlichung,
die dazu führte, dass der Text an einigen Stellen dem Sinn nach reproduziert
werden musste. |
| Margerita Bube | |
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