Rezension

 

Piper Nordiska


Der Piper Verlag beschreitet in diesem Jahr neue Wege und präsentiert mit Piper Nordiska eine Reihe namhafter Schriftsteller ausschließlich aus Skandinavien. Der zur schwedischen Bonnier-Gruppe gehörende Münchener Verlag wird zweimal jährlich fünf bis sechs Romane skandinavischer Autoren in deutscher Übersetzung herausbringen. Damit stützt sich der Verlag auf den Erfolg, den skandinavische Literatur hierzulande genießt und geht gleichzeitig das Risiko ein, neben bekannten literarischen Größen wie Arne Dahl und Elsie Johansson, mit seiner ersten Reihe „Newcomer“ zu präsentieren: Jonas Hassen Khemiri, Jette Kaarsbøl und Christian Jungersen sind dem deutschen Publikum bisher fremd, in ihrer Heimat selbst sind diese Autoren jedoch seit langem bekannt, haben die Bestsellerlisten gestürmt und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.

Die Autoren des ersten Programms von Piper Nordiska Die Autoren des ersten Programms von Piper Nordiska
(von links nach rechts, hintere Reihe: Jonas Hassen Khemiri, Thomas
Tebbe (Lektor), Arne Dahl, Christian Jungersen; vordere Reihe: Jette
Kaarsbøl und Elsie Johansson).

Bildquelle: www.schwedenkrimi.de

 

Christian Jungersen "Ausnahme"

Cover von Ausnahme

Christian Jungersen
Ausnahme

Originaltitel:
Undtagelsen

Aus dem Dänischen
von Ulrich Sonnenberg

Piper Nordiska
München 2006
ISBN 3-492-04771-8
Gebunden
666 Seiten
23,90 EUR

"Ausnahme" von Christian Jungersen ist ein spannender und gut recherchierter Thriller, in dem verschiedenen Seiten und die Psychologie des Bösen ausgelotet werden – von Mobbing im kleinen Kreis bis hin zu Geiselnahme und Völkermord. Die vier engagierten Frauen Iben, Marlene, Annelise und Camilla arbeiten zusammen im fiktiven Dänischen Zentrum für Information über Völkermord in Kopenhagen. Auch sie sind als „gute“ Menschen nicht gefeit gegen Unfrieden und das Böse – nachdem drei von ihnen anonyme Drohmails erhalten haben, beginnen sie Annelise, die vierte Kollegin, der Urheberschaft zu verdächtigen und zu mobben. Die beiden jüngsten im Team, Iben und Marlene, sind enge Freundinnen. Obwohl Camilla und Annelise ebenfalls einer Altersklasse angehören, entspinnt sich zwischen ihnen keine Freundschaft. Während Camilla sich auf die Seite der beiden jüngeren Kolleginnen schlägt und gemeinsam mit ihnen ihre Kollegin mit Blicken, Worten und Taten in Verzweiflung und Haß treibt, erfährt der Leser erst relativ spät von ihren Motiven hierfür. Wer von den Vieren schließlich ihr Leben lassen muß, bleibt bis zum Ende offen. Dabei überrascht nicht so sehr die Wahl des Opfers, sondern die des Täters – obwohl durchgehend spannend, scheint die Klimax zum Schluß des Buches ein wenig konstruiert.

Erzählt aus der Perspektive der vier Charaktere, größtenteils in Dialogen, erhält der Leser nicht nur einen detaillierten Einblick in das Seelenleben der vier Frauen, sondern sieht die Geschehnisse aus ihrer Sicht. Jungersen zeichnet eingehende Porträts seiner Protagonistinnen, ihrer Persönlichkeitstypen, Gedankengänge und Irrwege, basierend auf neusten Forschungsergebnissen der Psychologie. Dabei schreitet die Handlung unablässig und temporeich in leicht verständlichem Erzählstil voran, ohne das sich vorschnell offenbart, wer die eigentliche „Böse“ in dem Quartett ist. Oder sind es nicht alle auf ihre Art? Der Verweis auf das Böse, das in allen Menschen steckt, aber nicht bei jedem die Chance hat, hervorzubrechen, ist ein Leitsatzgedanke dieses Romans.

Den Hintergrund des vielschichtigen Thrillers bildet das Thema Völkermord, das auch in Form von Essays Eingang in das Buch findet. Jungersen versucht hier zwei Stile miteinander zu verbinden: Roman und Sachliteratur oder Fiktion und Dokumentation. Unaufgesetzt, in Form von Recherchen und wissenschaftlichen Artikeln, die Iben für das DIZV verfasst, fließt Hintergrundwissen zur „Psychologie des Bösen“, weltweiten Völkermorden und dem psychiatrischen Krankheitsbild Dissociative Identity Order (auch multiple Persönlichkeit genannt), in die Geschichte mit ein. Insbesondere hier zeigen sich die intensiven Recherchen und Vorarbeiten des Autors. Interessant ist dabei, daß Jungersen sich im Hinblick auf Völkermorde auch mit den Vertreibungen der Deutschen aus Osteuropa gegen Ende des Zweiten Weltkrieges befaßt – ein Thema, das in diesem Zusammenhang normalerweise eher gemieden wird. An diesem und anderen Beispielen exemplifiziert und diskutiert er die Frage von Schuld und dem „Recht“ zu Grausamkeiten und Völkermord.

Die unumwunden geschilderten Grausamkeiten lassen einen das Buch zwar zeitweilig aus der Hand legen, halten jedoch nicht davon ab, es bis zur letzten Seite zu Ende zu lesen. Ein spannender und lesenwerter Roman, aktuell und gesellschaftskritisch in der Tradition skandinavischer Kriminalromane, der auf seinen 666 Seiten bis zum Schluß nicht langweilig wird. Das Buch wurde ausgezeichnet mit vielen Preisen, u.a. als bestes dänisches Buch des Jahres, und in mehrere Sprachen übersetzt.

  Kulturhus Berlin wird in lockerer Reihenfolge im Newsletter und auf der Homepage Bücher aus der Edition des Piper Verlages und andere Neuerscheinungen auf dem deutschen und skandinavischen Büchermarkt vorstellen.

Weitere Titel aus dem ersten Programm von Piper Nordiska
(Seit März 2006 im Handel erhältlich):

Arne Dahl Rosenrot (De största vatten),
aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Elsie Johansson Das Leben ein Fest (Nancy),
aus dem Schwedischen von Katrin Frey

Jette Kaarsbøl Das Versprechen der Ehe (Den lukkede bog),
aus dem Dänischen von Christel Hildebrandt

Jonas Hassen Khemiri Kamel ohne Höcker (Ett öga rött),
aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

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