Rezension

 

Hier sitzen wir und haben´s schön

Buchcover

Astrid Lindgren
Das entschwundene Land

Originaltitel:
Samuel August
från Sevedstorp
och Hanna i Hult

Aus dem
Schwedischen von
Anna-Liese Kornitzky

Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN 3-423-20575-x
128 Seiten
7,50 Euro

In dem „einzigen Buch für Erwachsene, das Astrid Lindgren je geschrieben hat“, entführt die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt den Leser in die entschwundene Welt ihrer Kindheit. Es ist eine Schatztruhe wertvoller Erinnerungen, die mit leisem Humor und vielen versteckten Lebensweisheiten eines småländischen Bauern - ihrem Vater Samuel August - verzaubert. Lindgren schreibt von der Liebe ihrer Eltern, den Menschen, die sie zu ihren Märchenfiguren angeregt haben, Pippis Geburt und wie man eine gute Kinderbuchautorin werden kann.

Das Herzstück dieses Büchleins bildet aber die Liebesgeschichte ihrer Eltern, die einen beim Lesen berührt, da sie von solch einfacher Wahrheit schreibt. Es ist eine ganz leise und zarte Liebesgeschichte, die aber doch zu den Bezaubernsten gehört, die ich jemals gelesen habe. Behutsam und vorsichtig kommen sich die beiden Verliebten näher, und genauso stetig und langsam wächst ihre Liebe zu einander, bis sie letztlich ein unzerstörbarer Fels in der Brandung ist. Ihre Liebe hält ein ganzes Leben, und so flüstert Samuel seiner Hanna noch bis zum Ende „Meine kleine Inniggeliebte, hier sitzen wir nun, du und ich, und haben's schön.“ Diesen Satz und die ganze Liebesgeschichte ihrer Eltern verwahrt Lindgren sieben Jahrzehnte in ihren Erinnerungen, bis sie sie in diesem Buch niederschreibt und vor der Vergessenheit bewahrt.

„Das entschwundene Land“ ist zugleich eine zarte Liebesbotschaft an ihre Eltern und ihre Heimat. Mit klarer, einfacher Sprache schildert Astrid Lindgren ihre Kindheitserinnerungen an die schwedischen Höfe mit ihren Mägden und Knechten, den gruseligen „Kaffeeweibsen“ von nebenan, den Landstreichern und Armenhäuslern, wie Johan-Ein-Öre und Jocke-Kis, der Sonntagsschule und kratzigen Strickstrümpfen, lausigem Wegegeld für das Gatteröffnen und immer auch die unvergesslichen Abenteuer in der Natur.

Sie erzählt uns von ihren liebevollen Eltern, die ihre Kinder „herzten“ und ihnen stets die Freiheit einräumten, ausgelassen herumzutollen und zu spielen. Astrid Lindgren möchte Eltern hier einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben, spielen und tollen als vorrangiges Recht jedes Kindes zu begreifen.

In jeder Zeile wird sichtbar, dass Astrid Lindgren die Kinder doch am wichtigsten und liebsten sind, und so richtet sie eine Bitte an alle Eltern: Wenn ihr eure Kinder verstehen wollt, lest mit ihnen Geschichten!

Wie ihr eigener Lesehunger beginnt und ihre Gier nach Büchern wächst, erfährt man dann sogar im nächsten Kapitel. Ihre Liebe zum Buch erwacht in Kristins kleiner Küche, in der sie mit gerade mal fünf Jahren das Märchen von Bam-Bam und der Fee Viribunda erzählt bekommt. Ab diesem Zeitpunkt verschlingt sie alle Bücher, die ihr in die Hände fallen.
Wie sie dann selbst zum Schreiben kam, die Geburt ihres ersten Wirbelwinds Pippi Langstrumpf und wie ihre anderen Märchengestalten das Licht der Welt erblickten, kann man auf den letzten Seiten des Buches lesen.

Astrid Lindgren bewahrte sich ihre Kindheit und immer auch das Kind in sich, was ihre vielen zauberhaften Kinderbücher beweisen. So soll man dieses Buch auch immer dem Kind in sich selbst vorlesen, um so vielleicht seine eigene, verborgene Schatztruhe der Erinnerungen wieder zu öffnen...

Es ist ein kleines Buch - ein wichtiges Buch -, das so liebevoll und zart eine entschwundene Kindheit nachzeichnet, dass ich es nur von Herzen empfehlen möchte.

  Kathrin Friedrich