Rezension

 

Rettende Ermittlung.
Jo Nesbøs Kommissar Harry Hole fahndet in den eigenen Reihen

Cover Das fünfte Zeichen

Jo Nesbø
Das fünfte Zeichen

Originaltitel:
...

Aus dem Norwegischen
von Günther Frauenlob

Claassen Verlag
Februar 2006
ISBN 3-546-00397-7
Gebunden
489 Seiten
19,95 EUR

Wer Henning Mankells Kommissar Kurt Wallander mag, wird auch an Harry Hole, dem Protagonisten der Krimis von Jo Nesbø, seine Freude haben. Beide Figuren sind ähnlich angelegt. Bei beiden handelt es sich um Herren in den Vierzigern, die den Beruf über Frau und Familie stellen. Beide sind Idealisten, denen die Gesellschaft um sie herum nicht gleichgültig ist. Doch während der eher traditionell-sozialdemokratische Schwede Wallander den betäubenden Rausch beim Hören von Verdi-Opern sucht, hält es der mehr anarchistische Norweger Harry Hole mit Bourbon-Whiskey.

Das kostet ihn fast die Stellung bei der Polizei Oslos. In "Das fünfte Zeichen", Nesbøs fünftem Krimi, erhält Harry Hole noch mal eine Chance. Eigentlich will er nur die Zeit bis zu seiner Entlassung überbrücken. Doch er verbeißt sich in die Ermittlungen um eine Serie von Morden, bei denen den Opfern jeweils ein Finger abgetrennt wird. Was ihn über Wasser und vom Alkohol einigermaßen fernhält, ist der Drang, einen anderen Kriminalisten zur Strecke zu bringen, den er unter anderem des Mordes an einer früheren guten Kollegin verdächtigt. Harry Hole gelingt es, eine Systematik in das Geschehen um die ebenso brutalen wie scheinbar zusammenhanglosen Morde zu bringen. Doch er muß erkennen, sich trotzdem geirrt zu haben.

Nesbø gibt seiner Geschichte, die während eines ungewöhnlich heißen Sommers in Oslo, aber teilweise auch in Prag spielt, kräftiges lokales Kolorit. Er stellt geschichtliche Bezüge her, die in die Zeit der deutschen Besetzung Norwegens zurückreichen. Er bietet eine pralles Ensemble von Figuren, die in dieser oder jener Weise mit den Morden zu tun haben. Und wie es sich für einen Krimi-Profi gehört, legt er Spuren, die den Leser in seiner Vermutungswut narren.

Als störend erweist sich einzig eine mystische Rahmengeschichte, die ohne Schaden für den Rest hätte wegfallen können. Doch dieses Manko läßt sich angesichts bester Unterhaltung, welche die 490 Buchseiten zu 98 Prozent bieten, schneller verzeihen, als Harry Hole in durstigen Zeiten ein Glas Bourbon leert.

  Ulrike Schulz