| Rezension |
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Groteske Kurzgeschichten aus dem unabhängigen Estland |
Ervin
Õunapuu Aus dem Estnischen von Irja Grönholm edition innsalz, Aspach Titel der Originalausgaben: Eesti Gootika Eesti Gootika II erschienen im Verlag
Umara
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Wie gelingt es, beißende Sozialkritik und Groteskes miteinander zu verbinden und dabei noch eine einzigartige Fantasie einfließen zu lassen? Für den Schriftsteller und Maler Ervin Õunapuu kein Problem. Der kleine Band beinhaltet eine in vielerlei Hinsicht sehr empfehlenswerte Sammlung von Kurzgeschichten. Abwechslungsreiche Geschichten voller Tragikkomik. Dass es sich um sog. Gotische Erzählungen handelt, verraten die estnischen Originaltitel der hier in einem Band zusammengefassten zwei Bände. Die deutsche Literatur kennt diese Gattung jedoch nicht, denn die mit grotesken Elementen gewürzten Gothic Tales hat die englische Literatur herausgebildet. Der Autor beleuchtet Themen der jüngeren estnischen Geschichte aus einer ironisch-kritischen Perspektive heraus. Manchmal unterbrechen Ausflüge der Figuren in die Fantasiewelt, in der eine eigene Logik herrscht, die reale Handlung. Und wenn die Tragikkomik nicht hierbei in Erscheinung tritt, dann indem das zu Grunde liegende Thema vollkommen überzogen wird und ins Absurde hineingleitet. Wenngleich die einzelnen Erzählungen die Zeitspanne von der sowjetischen Zeit bis in die Gegenwart abdecken, entsteht bei ihrer Lektüre an vielen Stellen große Unsicherheit, in welcher Zeit man sich eigentlich befindet. Es fällt schwer zu glauben, dass im ausgehenden 20. Jahrhundert in Europa noch einmal bitterste Armut, fehlende ärztliche Versorgung und eine Form von Kindesmisshandlung Wirklichkeit werden, Zustände, die vollkommen den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts entsprechen. In punkto Boshaftigkeit und Lebensfeindlichkeit übertreffen die Figuren jene Zeit sogar. Gleich die erste Erzählung Die kleine Lilli aus Noarootsi ist schwer erschütternd: In jener Landgemeinde an der Ostsee hat ein armes Kind keine Lebenschance. In ihrer Einsamkeit – der Vater interessiert sich nicht für die kleine Tochter und sorgt auch selten für Nahrung – hält sich das kleine, verkrüppelte Mädchen selbst für eine Ratte. Ein Pastor reagiert auf sie mit abgrundtiefem Hass, demütigt sie und zeigt sich vollkommen kaltblütig, als er ihren Tod mitverschuldet. Lilli ist ein echtes no-future-Kind in einer Umgebung, in der jegliche menschliche Regung fehlt. Was stattfindet, ist ein ganz enormer Rückfall in längst tot geglaubte Zeiten mit teilweise längst totgeglaubten brutalen Verhaltensweisen. Die Zivilisation wird in Frage gestellt. Diese Welt ist in Europa. Und sie ist gerade erst gewesen. Themen des Bandes sind der wachsende Einfluss der evangelischen Kirche auf die Menschen, der nach der Unabhängigkeit wieder zunimmt. Die Landwirtschaft als großer Verlierer einschließlich aller Menschen, die sich nicht rechtzeitig nach etwas Neuem umsahen. Die Kinder, an denen die existenziellen Sorgen und Nöte der Umbruchzeit ausgelassen wird. Kinder, die keine Möglichkeit haben, sich aufzulehnen. Umgang und Stellung nichtehelicher Kinder, wenngleich die entsprechende Erzählung noch der Sowjetzeit zuzuordnen ist. Die Rückkehr einer überheblichen deutschbaltischen Adeligen. Ein unmenschlicher Chef. Geldgier und Kriminalität. Die Bedeutung von Obdachlosigkeit in einem ausgesprochen kalten Land. Das unwahrscheinliche Glück, in ein Altenpflegeheim aufgenommen zu werden – für die Protagonistin zu viel des Glücks. Der Scheideweg zwischen Leben und Tod. Und die Frage nach dem Sinn in den Verhältnissen. Die deutschsprachige Ausgabe ist in drei Teile gegliedert: Das brave Kind, Kaisa und der Tod und Die stinkenden Handschuhe des Chefs, Titel jeweils einer folgenden Kurzgeschichte. Die Wahl auf den dritten als deutschen Namen für die ganze Sammlung liegt wohl nur an dem Markanten und Reißerischen dieses Titels. Ein Sinn darüber hinaus ist lediglich in den angedeuteten sozialen Missständen erkennbar, wobei deren Ausmaß jedoch nicht zum Ausdruck gebracht wird. Ein leider zeitloses und an keinen Ort gebundenes Motiv ist das offensichtlich sexuell missbrauchte Mädchen in der zweiten Erzählung Das stumme Mädi, die in ihrer Verzweiflung Zwiegespräche mit Gott im Stile von Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna* führt. Täter war ein Deutscher. Daneben gibt es aber auch ein Kind, das mit seiner Verletzlichkeit wie auch mit seiner Fantasie angenommen wird und Wärme und Fürsorge erlebt - seitens eines estnischen Kinderbuchautors in der Erzählung Der Schulmeister. Ein vorsätzlich begangener Mord wird in der Erzählung Der Glückstag mit deftigem Sarkasmus zum Auslöser höchsten Glücksempfindens stilisiert, da das Gefängnis im Gegensatz zur Obdachlosigkeit auf der winterlichen Landstraße eine Zukunft verspreche. Õunapuus Erzählstil ist nicht durch Schwere, wohl aber durch Tiefe gekennzeichnet und trägt ein Potenzial als Vorbild für nachfolgende Schreibende in sich. Die Sprache ist zwar sehr klar, jedoch auch voller Unruhe und fordernd. Viel Inhalt auf wenig Papier. Zum wachen Mitdenken wird man förmlich mitgerissen. Der Autor lässt die Personen von innen heraus sprechen, obwohl nach außen hin in der 3. Person erzählt wird. Eine strahlende Erzählkunst - Sozialkritik im neuen Gewande. Ohne jede Spur von Oberflächlichkeit. * britisches Kinderbuch von Fynn |
| Margerita Bube | |
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