| Rezension |
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„Ich habe eben nicht gelernt, einen Schneemann aus Watte und Scheiße zu bauen“, sagt Katrina und geht zur Eisenbahnbrücke … |
Dace Ruksane Aus dem Lettischen von Matthias Knoll Amann Verlag Zürich ISBN: Preis: 19,90 € |
Was hat den Verlag nur bewogen, im Klappentext den Eindruck zu erwecken, es handele sich hier um eine kitschige Liebesschmonzette? Dace Ruksane ist ein ganz außergewöhnliches Buch gelungen! Die Ich-Erzählerin Katrina nimmt uns im ersten Teil mit auf eine Reise, die sowohl das Ende ihrer Jugend als auch der Sowjetunion markiert. Beispielhaft wie das unbedarfte Mädchen sich auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo fünfmal lieber nach einem Glas Fanta anstellt („schmecken so Apfelsinen?“) als die „berühmt/berüchtigte Mumie zu begutachten“. Das Alpinistencamp im Kaukasus verschiebt Prioritäten. Die Schüchterne aus der 10b, aufgewachsen in der Rigaer Vorstadt, die kein Junge jemals zum Tanzen auffordert, erfährt in den unwirtlichen Bergen, welche Bedeutung Freundschaft und Verlässlichkeit angesichts existentieller Herausforderungen erlangen. Drei Gitarre spielende Jungen (ein Verweis darauf, wie wichtig Musik und das Musizieren in allen Teilen des untergegangen Riesenreiches waren) ziehen Katrina in ihren Bann. Der wilde Sibirier Wlad, der Intellektuelle und Wissotzkij-Verehrer Genna aus Kiew, der introvertierte Komponist Sergej aus Moskau geben ihr Selbstbewußtsein und das Gefühl voraussetzungslosen Vertrauens. Und dann Oleg! Er nennt sie zärtlich Krümelchen und verspricht, ihr nie, wirklich niemals wehzutun. Alles an Oleg schmeckt und riecht nach Honig. „Oleg klebt an Katrina fest und geht nicht mehr ab.“ Der zweite Teil ist im Stile eines Roadmovies verfasst und beschreibt die abenteuerliche Heimreise der Heldin sowie ihr hartes Aufschlagen in der Wirklichkeit. In einem elenden Kaff wird ihr Geld gestohlen, während Oleg mit seiner schönen Frau und dem kleinen Kind den Bus besteigt. Der Tiefpunkt, als Katrina mit einer Horde aggressiver Straßenköter um ein Stück Melone aus der Mülltonne balgt. Körperlich wie seelisch am Ende und schwer krank erreicht sie Riga. Kaum genesen überschlagen sich die Ereignisse. Genna überlebt den atomaren Super-Gau in der Ukraine nicht. Sie besucht den desillusionierten Wlad in seiner chemisch völlig kontaminierten sibirischen Industriestadt. Sergej erliegt in Moskau einem Lungenödem. Ihre Eltern lassen sich scheiden. Die Mutter stürzt sich vor Kummer von der Eisenbahnbrücke. Olegs „verzeih mir“ am Telefon schmerzt mehr, als Katrina auszuhalten imstande ist. Kein Psychologe könnte präziser die Symptome einer tiefen Depression beschreiben als Dace Ruksane im letzten Teil des Buches. Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, darin eine Metapher auf das Ende der Sowjetunion zu sehen. Dies liegt auch keineswegs in der Intention der Autorin. Patriotismus ist ihr „zu primitiv und langweilig“. Sie gestattet sich „Picasso meiner eigenen Welt zu sein – das Leben in allein mir verständlichen Formen zu malen, ohne zu befürchten, dass dies dereinst als Zeugnis irgendeiner Epoche bezeichnet wird“. Der Stil des Buches ist flott und originell, zuweilen skurril und humorvoll.
Im letzten Teil wird der Ton artifizieller, die lineare weicht einer hoch
reflektierten Erzählweise. Dem Übersetzer ist anzurechnen, dass
er Begriffe, die Ruksane auf Russisch verwendet, so belässt, stehen
sie doch für die Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz zu dem
ehemals herrschenden System. |
| Gabriela Friedrich | |
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