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Diskussionen im finnischen
Lehrerzimmer. "Landkarte des Paradieses" ist ein Roman über
eine prinzipienfeste Lehrerin und ihre Schüler |
Anja Snellman Aus dem Finnischen von Angela Plöger btb Verlag ISBN 3 442 733359 Originalausgabe: Paratiisin kartta |
Eine finnische Lehrerin lässt die lange, gemeinsam verbrachte Zeit mit einer Abschlussklasse Revue passieren. Ein selbstreflexiv angelegter Roman mit einem eingeflochtenen Rückblick auf ihre eigene Vergangenheit, die die Erzählerin zu dem hat werden lassen, was sie ist: einer prinzipienfesten Lehrerin, die ihren Schülerinnen und Schülern alles zu geben und beizubringen sucht, was machbar ist. Die diejenigen, die in Finnland als schwierig gelten, nicht ihrem Schicksal überlässt, sondern ihnen ein Leben als soziale und fähige Menschen ermöglicht. Raakel heißt die Erzählerin mit Vornamen, doch sie ist nicht wie die alttestamentarische Rahel die geliebte Frau des Mannes, den sie heiratet, nachdem dieser alles für sie eingesetzt hat. Als charismatischer sozialistischer Studentenführer der 70er Jahre hatte ihr Mann nebenbei zahlreiche andere Frauen und missbrauchte seine Macht über alle. Den Verlust der eigenen Persönlichkeit während vieler Jahre eines Lebens für die Ideologie setzt sie nunmehr konsequent in Erziehung um. Sie hat die Abschlussklasse zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Während diese auf sich warten lässt, führt sie mit ihr ein Zwiegespräch in der zweiten Person Mehrzahl. Die einzelnen Schülerinnen und Schüler der Klasse erscheinen nicht heldenhaft, sondern verbleiben trotz allem recht blass im Hintergrund. Warm wird man mit ihnen nicht, was der Beziehung zwischen der Lehrerin und ihnen die Lebendigkeit vorenthält, die man eigentlich in ihr vermutet. Durch die Kinder hindurch wird das Spektrum an sozialen Problemen der Gesellschaft beleuchtet. Teilweise sind es wirklich katastrophale Ereignisse, die während der zwölf Schuljahre geschehen und Zweifel an den als so hervorragend geltenden finnischen Schulen wach werden lassen. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass es sich hier um Kinder handelt, die ohne festen Halt aufwachsen, denen ein unermüdlicher, fantasievoller Einsatz einer Lehrerin, viel Geduld, ein integrativer Ganztagesschulbetrieb sowie eine am Kenntnisstand und an den Bedürfnissen der Kindern orientierte Pädagogik offensichtlich bessere Zukunftschancen bescheren als man sie hierzulande vorfinden würde. Was illustriert wird ist, dass jedes einzelne Kind wichtig ist. Vergeblich sucht man allerdings das schwärmerische Idealbild der finnischen Schule, das sich in den letzten Jahren in Deutschland verbreitet hat. Im Gegenteil schildert die Erzählerin die Diskussionen im Lehrerzimmer um die pädagogischen Theorien der 90er Jahre mit ironischem Biss und zieht eine glühende Verfechterin der Auflösung des Klassenverbands genüsslich durch den Kakao. Eine Ungereimtheit ist allerdings, welchen Sinn es haben soll, dass die
etwa achtzehnjährigen Jugendlichen ohne Absage kollektiv der liebevoll
vorbereiteten Feier fern bleiben. Dass eine gute Lehrerin auch dies noch
mit Gelassenheit hinnehmen möge, würde allerdings jedes Maß
sprengen. Also doch ein absurdes finnisches Moment, dass sie es tut? Erwachsen
wirken die Schülerinnen und Schüler nicht, trotz aller Bemühungen
um sie scheinen sie mittendrin im Strudel der Wertkrisen der Konsumgesellschaft
zu stecken. Angesichts der Art der Krisen kann man sich allerdings etwas
darüber wundern, dass es sich hier in Wirklichkeit um die Generation
derjenigen handelt, die heute bereits 27 Jahre als sind – offensichtlich
traten auch die jeweiligen Erscheinungsformen der Probleme in Finnland
einige Jahre früher auf. |
| Margerita Bube | |
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