| Rezension |
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Vilnius – Eine Stadt in Europa |
Tomas Venclova Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Mit Fotografien von Arunas Baltenas Suhrkamp ISBN 978-3-518-12473-4 Originalausgabe: |
Wer die litauischen Hauptstadt Vilnius von innen heraus kennen lernen, ihre wechselhafte, schwierige Geschichte literarisch genießen und in einem Zug durchlesen möchte, hat hier dazu Gelegenheit. Tomas Venclova hat ein poetisches Essay verfasst, in welchem er die Entwicklung einer europäischen Hauptstadt mit einer äußerst ungewöhnlichen Geschichte nachzeichnet. Hierzulande ist sie unverdientermaßen allzu unbekannt. 2009 wird sie Europäische Kulturhauptstadt sein. Vilnius ist die Stadt der katholischen Barockkirchen. Was die Dichte ihrer Kirchen betrifft, übertrifft die Stadt selbst Rom. Vilnius war jedoch jahrhundertelang eine Vielvölkerstadt, die mehrere Religionen und Konfessionen beheimatete. Auf Grund ihrer einzigartigen jüdischen Vergangenheit war sie als das „Jerusalem des Nordens bzw. des Ostens“ bekannt und als solches auch das Zentrum der jiddischen Literatur und Kultur. Am schwächsten unter den Völkern der Stadt waren die LitauerInnen selbst vertreten. Dies änderte sich erstmals während der russischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele LitauerInnen in die Stadt zogen, um ihr das Schicksal, das die benachbarten Hauptstädte Riga und Tallinn erlitten, zu ersparen: Die bewusste Ansiedelung einer russischen Mehrheit. Es gelang. Vilnius wurde litauisch. Der Autor hat ein unsentimentales Bekenntnis zur litauischen Hauptstadt abgelegt, wenngleich er selbst wie so viele nicht aus ihr stammt, und sich dabei einer melodischen Sprache bedient. Es ist die Erzählung der Stadt Vilnius von ihrer Gründung bis heute. Dabei werden auch die Hinterhöfe und Gebäude betreten. Trotz chronologischer Vorgehensweise wird die Darstellungsform eines historischen Sachbuchs verlassen. Dialektische Gedankenäußerungen in einer Mischung aus Sachbuch und Poesie herrschen vor. Zur Sprache kommt auch die unterschiedliche Geschichtsauffassung in Polen und Litauen zur gemeinsamen Vergangenheit in der Rzeczpospolita. Die Gegenwart wird nur kurz angesprochen. Hier ermahnt der Autor eindringlich zur Übernahme von Verantwortung bei der weiteren Entwicklung der Stadt, nicht nur in architektonischer und topographischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die multiethnische Vergangenheit. Der Ausgangspunkt des Essays liegt in der ethnologischen, religiösen und architektonischen Entwicklung von Vilnius. Dabei fließen auch Mythen ein. Hervorragende Sachkenntnis werden mit einem guten Gespür für die Besonderheiten der Stadt verbunden. Jedoch beschränkt sich die Darstellung nicht auf diese Perspektiven, sondern wird im Verlauf ausschnittweise durch eine kulturgeschichtliche Einführung, etwa ab dem Zeitpunkt der Eigenständigkeit des litauischen Staates durch politische Geschichte, die Freiheitsbewegungen sowie eine subjektive Darstellung der Besonderheiten sowie geistigen Probleme der Nation ergänzt. Eine Schwerpunktsetzung und Verfolgung eines klaren Ziels ist nun nicht mehr zu erkennen. Vielmehr ist ein Konglomerat aus unterschiedlichen Perspektiven entstanden, deren Wahl und Zusammensetzung zwar im Hinblick auf die Zeiten, die unvermeidlich in die Biographie der zeitgenössischen LitauerInnen eingraviert sind, verständlich erscheint. Für diese Darstellung wäre es aber besser gewesen, wenn es entweder bei der historischen Sichtweise geblieben oder ein echtes Essay entstanden wäre. Einer deutlichen Kritik wird die städtebauliche Korrumpierung unterzogen.
Dazu zählt nicht nur die Sowjetisierung durch Abrisse und Plattenbauviertel,
sondern auch das Hinzufügen heutiger Prunkhochhäuser. Der Wert
von Authentizität wird im Zusammenhang mit der Historisierung herausgestellt,
welche mit dem Wiederaufbau der alten Burg betrieben wird. Diese soll
im Jahr 2009 zum 1000-jährigen Jubiläum des Landes seit seiner
ersten Erwähnung in den Quedlinburger Annalen fertiggestellt sein,
jedoch existiert von der Burg nicht einmal mehr ein Lageplan, geschweige
denn Wissen über ihre Gestalt. |
| Margerita Bube | |
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