| Eisiges Schweigen und nordische Gelassenheit. Von schwierigen Dreharbeiten im ganz hohen Norden. Die ZDF-Autorin Ines Trams über ihre Dokumentation am Nordkap |
||
Finnen sind anders. Das wussten wir bereits vor unserer Reise. Gerne werden sie bezeichnet als "Exzentriker Europas", geläufig auch der Spruch: "Russland hat Sibirien, die USA haben Alaska, und Europa hat Finnland..." Unnötiger Smalltalk fällt ihnen schwer. Sie verurteilen Oberflächlichkeit und Geschwätzigkeit. Ihre Sache ist die Schweigsamkeit. Finnen grüßen keine Fremden, gucken dir nicht in die Augen. In Finnland gilt es als freundlich, jemanden allein und in Ruhe zu lassen - anders als in den meisten anderen Kulturen, in denen Kommunikation als freundlich gilt. Und in diesem Land wollten wir eine zweiteilige große Reportage drehen? Noch dazu im Winter, wo all das Genannte in verstärktem Maße gilt? Und tatsächlich, es gab Momente, in denen die Crew drauf und dran war, unter Protest gegen die finnische Wortkargheit den Drehort zu verlassen. Zum Beispiel, als das ZDF-Team frisch an Bord des Eisbrechers "Sisu" gekommen war und Käpt’n Matti Kuparinen auf der Brücke über die Schulter schauen wollte. Passend zum Ostsee-Eis um uns herum stießen wir auf kalte Atmosphäre und eisiges Schweigen. Einsilbige Antworten, hervorgepresst zwischen schmalen Lippen: Nordic talking, wir sind hier schließlich nicht bei den Caprifischern. Doch zwei Tage und zahllose vertrauensbildende Maßnahmen und Charmeoffensiven später: ein kleines Wunder. Käpt’n Matti nimmt seine Spiegelbrille ab – und lächelt. Ja, er erzählt sogar Privates! Dass er gerne wochenlang auf dem Eisbrecher sei, zu Hause müsse er ja doch "nur Schnee schippen und die Katzen füttern". Bemerkenswert auch der Dreh mit Hannu Nenonen, einem finnischen Grenzsoldaten an der Grenze zu Russland. Mit ihm wollten wir entlang der Schneise im Wald auf Patrouille gehen. Wir hatten gehört, dass sein Vater im Winterkrieg gegen Russland gefallen war und dass dies für Hannus Berufsentscheidung eine große Rolle gespielt habe. Das wollten wir nun von ihm vor der Kamera hören, auch, wie sein Verhältnis zu Russland sei, was sich für ihn geändert hat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Unsere Fragen brachten Hannus Augen zum Schwimmen, doch gesagt hat Hannu im Interview kaum etwas. Wochen später erhielten wir eine Mail von ihm. Er bedankte sich für das "für finnische Verhältnisse ungewöhnliche, geradezu tiefenpsychologische Interview". Jetzt in der Mail wollte er uns alle Fragen beantworten – nicht wissend, dass wir mit einer Mail wenig in einer Reportage anfangen können. So erging es uns mit vielen finnischen Protagonisten. Was man als Reporter für die Finnen braucht ist: Zeit. Denn ganz tief im Inneren sind sie dankbar, wenn andere über sie und ihr Land reden und berichten. Doch die eigentliche Herausforderung als Fernsehteam, das einen engen Drehplan einzuhalten hat, erwartete uns in Lappland, bei den Sami – dem letzten Urvolk Europas, dem "Volk der Sonne und des Windes". Die Sami zeichnet bis heute eine enge Verbindung zur Natur aus, von und mit ihr leben sie, ohne sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre halb wild lebenden Rentierherden bestimmen ihren Tages- und Jahresablauf. Sie leben von einem Tag zum anderen, richten sich nach der Natur, nicht nach der Uhr, nicht nach Terminen. Der essentielle Teil unseres Drehs mit den Sami: der Rentierscheid, die jährliche "Inventur", wenn die Rentierzüchter der Region ihre Tiere aus den weiten Hügeln Lapplands zusammentreiben, um sie zu zählen und zum Schlachten auszusondern. Doch wann würde es so weit sein? Immer wieder hörten wir in unseren Telefonaten mit der Vorsitzenden des Rentierzuchtverbandes: Es müsse ausreichend kalt sein, doch nicht zu kalt. Es dürfe nicht zu windig sein, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Schnee liegen. Dann wäre die richtige Zeit zum Scheid. "Sami Time" – für Producerin und Reporterin ein Planungs-Alptraum. Natürlich gestalteten sich Treibjagd und Scheid ähnlich schwierig wie das Warten darauf. Trotz sorgfältiger Vorgespräche gelangten wir am ersten Tag der Treibjagd gar nicht zu unserem Protagonisten, dem Rentierzüchter Pekka Länsman. Die Akkus seines Funkgerätes waren leer – und er somit für niemanden draußen in der Wildnis zu erreichen. Der Verlust des Protagonisten für uns schmerzlich – für Pekka war die Dramatik nicht nachzuvollziehen. Für ihn gilt die arktische Form des "mañana": "Auch morgen kommt ein Postbus." Für den nächsten Tag also der Versuch einer hundertprozentigen Verabredung. Pekka sicherte uns zu, uns am Morgen am Rentierscheidplatz zu treffen. Nachfrage der inzwischen leicht irritierten Reporterin aus Deutschland: "Wann genau am Morgen?" Antwort: "Solange es noch Nacht ist, werde ich hier nicht herkommen." Es kam wie es kommen musste – das ZDF-Team aus Deutschland war morgens um sieben am Rentierscheidplatz, Rentierzüchter Pekka kam gegen Mittag dazu. Unser Verständnis für interkulturelle Unterschiede, das zu Hause am Schreibtisch groß und ausgeprägt ist, wurde vor Ort auf eine harte Probe gestellt. Natürlich wollten wir das exotische Recht des Urvolks, ohne Uhr zu leben, anerkennen. Doch im Zuge des Drehs verloren wir unsere political correctness, zusehends wurde das Prinzip "Sami Time" von Reporterin und Producerin als purer Egoismus kritisiert, als schlichte Rücksichtslosigkeit im Zusammenleben mit Nicht-Sami. Doch das war nur eine Phase des Übergangs. Gegen Ende des Drehs in Finnland waren wir infiziert von der samischen Art, den Tag anzugehen. Dem verdutzten Kamerateam entgegneten Producerin und Reporterin immer öfter auf die Frage nach dem weiteren Reiseplan: "Ach, das hängt vom Wetter ab, vom Wind, und vom Schnee…" Der Rest des Drehs verlief nach "Sami Time". Auch Nicht-Sami leben die nordische Gelassenheit. Schlicht aus dem einfachen Grund, weil die raue Natur Leben und Alltag diktiert. Gutes Wetter muss genutzt werden, schlechtes Wetter schränkt den Menschen immens ein. So müssen die Menschen auf der Nordkap-Insel Magerøya ihre Ausflüge ins nächste Dorf oder in das Gemeinde-Hauptstädtchen Honningsvåg nach dem Schnee auf den Straßen richten. Gibt es zu viel davon, dürfen sie nur hinter schweren Räumfahrzeugen fahren, die zu bestimmten Zeiten einen solchen Kolonnenzug anbieten. Schlägt das Wetter richtig zu, kann ein einfacher Kinobesuch in Honningsvåg zu einem Ausflug von Tagen werden – schlicht, weil man im Schneesturm nicht mehr zurück in sein Dorf kommt. Kein Kinobesuch also auf Magerøya ohne Zahnbürste im Handschuhfach und die Telefonnummer von Freunden, bei denen man um Asyl bitten kann. Auch uns erwischte das ein oder andere Mal ein Schneesturm am Nordkap
und zwang uns, anstehende Drehpläne zu ändern. So, als wir im
Schneesturm verloren gingen, vor lauter Schneewehen die Straße nicht
mehr erkannten. Als wir zwei von den roten Markierungstangen - die wie
auf einer Skipiste links und rechts der Straße angebracht sind –
auf einer Seite hatten, war uns klar: Wir sind falsch, Weiterfahrt nicht
möglich. Endgültig als Weicheier wurden wir entlarvt auf der Rentiertreibjagd mit Rentierzüchter Pekka. Endlich waren wir an der Seite unseres Protagonisten. Es war kalt, aber sonnig. Als wir schon weit in die Hügel des Grenzlandes zwischen Norwegen und Finnland vorgedrungen waren, schlug das Wetter um. Wind kam auf, beißender Schneehagel. Während der Kameramann tapfer versuchte, im weißen Nichts die Rentierherde auszumachen und zu drehen (was gelang), folgte die Reporterin dem Rat der Guides und ging vor dem Sturm hinter einem Schneemobil in Deckung. Hier verfiel sie in eine Art Trance, so berichteten ihr die Kollegen später. War Eisforscher Robert Falcon Scott nicht genau so umgekommen? Nur aktives Rütteln der Crew konnte sie wieder auf die Beine bringen. Knapp dem Kältetod entronnen, drehten sich ihre Fragen im anschließenden Interview mit Rentierzüchter Pekka fast ausschließlich um die aktuelle Wetterlage. Doch Pekka entgegnete nur, dies sei "ein ganz normaler Arbeitstag". Er verstand die Frage nicht. Die Nordländer, insbesondere die Finnen sind anders. Ihre Eigenheiten haben uns das Filmen nicht leicht gemacht. Doch am Ende der Drehreise wurde uns klar, es stimmt, was der deutsche, in Finnland lebende Autor Roman Schatz über sie gesagt hat: "Finnen sind schwer zu verdauen, aber gut für dich." Ines Trams ist Skandinavien-Korrespondentin des ZDF und Autorin des zweiteiligen Films „Unterwegs zum Nordkap – Winterreise durch Skandinavien“, der vom ZDF am 21. und 28. Dezember 2009 um jeweils 19.25 Uhr ausgestrahlt wird. Ulrike Schulz |
||
| Sollten Sie diese Seite außerhalb der
Website vom KULTURHUS BERLIN geöffnet haben, hier erreichen Sie uns:
|
||