| Nach dem EU-Beitritt: Und wie weiter? Die Zukunft der deutsch-baltischen Beziehungen |
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| Anders als zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen im Herbst 1991 erhofft, haben sich die deutsch-baltischen Beziehungen bis heute eher mäßig entwickelt. Ungeachtet der von Vertretern der Bundesregierung geäußerten Kooperationsabsichten und des wiederholten deutschen Eingeständnisses, eine besondere historische Verantwortung für Estland, Lettland und Litauen zu tragen, hielt die Bundesregierung die um enge Anbindung bemühten Balten stets auf Distanz. Angesichts der einstmals engen kulturellen und personellen Verbindungen kann man die absichtsvolle Zurückhaltung der Bundesregierung zu recht beklagen, doch sollte dabei ein wichtiger Aspekt nicht aus den Augen verloren werden: Wohl zum ersten Mal in der nun 800jährigen gemeinsamen Geschichte sind die Beziehungen zwischen Deutschen und Balten heute frei von ernsthaften Spannungen und getragen vom Geist gegenseitiger Anerkennung. Das war nicht immer so. In der Vergangenheit waren die deutsch-baltischen Beziehungen zwar eng, gut - im Sinne von gleichberechtigt und konfliktfrei - waren sie allerdings nie. Neben dieser qualitativen Verbesserung sprechen zudem einige Indikatoren dafür, daß sich die deutsch-baltischen Beziehungen in Zukunft weiter vertiefen werden. Diese Vertiefung wird weniger die Folge bewußter politischer Manöver seitens der Bundesregierung sein, als vielmehr die Konsequenz der veränderten internationalen Rahmenbedingungen: Die von der Bundesregierung über Jahre hinweg gepflegten Hoffnungen auf eine enge Zusammenarbeit mit Russland sind geschwunden und auch jene, die deutsch-baltischen Beziehungen lange Zeit dominierenden Fragen nach den Möglichkeiten und Konsequenzen eines baltischen EU- und NATO-Beitritts, haben sich erledigt. Unter diesen Voraussetzungen werden sich die deutsch-baltischen Beziehungen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur intensivieren, sondern auch ihren bisherigen Charakter verändern. Die ersten Anzeichen sind bereits offenkundig. So wurde der Bundesregierung spätestens im Zuge der Debatte um die baltische Niedrigsteuerpolitik schmerzlich bewußt, daß die Zeiten, in denen sie - sozusagen als Gewinnerin des Kalten Krieges - ihre politischen und wirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen in den ehemaligen Ostblock exportieren konnte, der Vergangenheit angehören. Stattdessen steht die zu Beginn der neunziger Jahre noch gerne als „Modell Deutschland“(*1) apostrophierte Bundesrepublik heute selbst unter dem von den mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften ausgehenden Veränderungs- und Anpassungsdruck. Denn anders als in Deutschland lange Zeit ganz selbstverständlich vorausgesetzt, hat sich das postbipolare Europa - trotz NATO- und EU-Erweiterung - nicht einfach zu einem nach Osten erweiterten Westeuropa entwickelt, sondern zu einer neuen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entität. In diesem großen, neuen Europa sind die Staaten des Westens keine unangefochtenen wirtschaftlichen und politischen Leitbilder mehr. Diese Feststellung mag trivial klingen, doch birgt sie im deutsch-baltischen Fall ein interessantes Detail: Zum ersten Mal in der wechselvollen gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Balten ist eine Situation entstanden, in der die Deutschen nicht mehr ausschließlich als Produzenten und Vermittler technischer, gesellschaftlicher und kultureller Innovationen auftreten, sondern sich selbst an den von Esten, Letten und Litauern gesetzten Maßstäben orientieren müssen. Das gemeinsame historisch-kulturelle Erbe könnte sich dabei als hilfreich erweisen. Helge Dauchert (*1) zitiert nach Helmut Wiesenthal in: German Unification and ’Model Germany’: An Adventure in Institutional Conservatism |
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