| Schreibblockaden und Pionierarbeit: Die Balten
in der Literatur. Eine unvollständige Bestandsaufnahme |
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Literatur aus Litauen, Lettland und Estland ist in der deutschen Wahrnehmung eine Randerscheinung, wenngleich sie kein Schattendasein fristet. Die drei Länder werden häufig in einem Atemzug genannt, weisen aber in Gesellschaft als auch der Literatur erhebliche Unterschiede auf. Daher ist es auch verfehlt von baltischer Literatur zu sprechen. Pionierarbeit bei der Vermittlung estnischer Literatur leistet die Übersetzerin Irja Grönholm. Sie hat das 2006 erstmals im Dr. Ute Hempen Verlag erschienene „estonia. Jahrbuch estnischer Literatur“ herausgegeben. Sehr ausführliche Informationen zu estnischen Autoren und Neuerscheinungen finden sich auf der englischsprachigen Seite www.estlit.ee Ähnlich engagiert arbeitet der Lettisch-Übersetzter Matthias Knoll. Seine Website www.literatur.lv ist einzigartig, nicht nur eine Freude für Literaturinteressierte, sondern ein Muß für jeden Lettland-Fan. Etwas schwieriger ist es um die Vermittlung litauischer Literatur bestellt. Aufbauarbeit leistet hier der kleine und feine Athena Verlag von Rolf Duscha (www.athena-verlag.de), der eigens das Segment „Litauische Literatur“ in sein Verlagsprogramm aufgenommen hat. Angeregt wurde das von Bettina Twrsnick, Leiterin der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. KULTURHUS BERLIN hatte die Gelegenheit mit Bettina Twrsnick über die Besonderheit litauischer Literatur zu sprechen.
„Wir verfolgen die litauische Literatur seit Beginn der neunziger Jahre, sofern sie in deutscher Übersetzung vorliegt.“ Das sei überhaupt die Schwierigkeit. Übersetzer sind handverlesen. In Deutschland lohne sich das aufgrund der Besonderheit der litauischen Sprache schon gar nicht. „Man muß wissen, daß sich in Litauen erst im 19. Jahrhundert eine Schriftkultur etabliert hat. In ihrer Diaspora-Situation haben die Litauer eine Subkultur etabliert, die auch zu ganz eigenen Sprachformen führte, die das Litauische nahezu unübersetzbar machte: mindestens fünf ineinander verschachtelte Relativsätze, geschmückt mit 37 Adjektiven; es gibt fünfzehn verschiedene Verkleinerungsformen. Die Sprache hat sich durch den äußeren Druck der Russifizierung nach innen entwickelt.“ Da liegt es nahe, litauische Autoren so oft es geht nach Deutschland einzuladen? „Lesungen sind brutal schwer und bedürfen einer Vermittlung. Die Autoren haben den Hang sehr deklamatorisch zu lesen. Das erinnert an Burgtheater der Dreißiger Jahre. Die literarische Sprache ist äsopisch, versehen mit einer Fülle von Metaphern. Da Litauer die letzten Heiden Europas waren, ist deren Götterwelt und Mythologie noch sehr virulent und findet in der Literatur seinen Niederschlag. Die Verherrlichung des litauischen Landlebens als Idealbild ist immer noch prägend.“ Lesungen eins zu eins stattfinden zu lassen, ginge eben nicht; sie müssten schon reichlich garniert werden. Inhaltlich hat die litauische Literatur noch einiges aufzuarbeiten, wie das Beispiel Teodoras Cetrauskas zeigt. Sein Buch „Als ob man lebte. Ein heroisches Märchen“, 1999 geschrieben, ist zuerst auf 2002 auf Deutsch im Athena-Verlag erschienen und erst 2004 in Litauen. Warum? „Das liegt am großen litauischen Trauma und dem Unvermögen, ihre Geschichte aufzuarbeiten, denn dann müssten sie ihre Helden entheroisieren. Viele wissen nicht, daß der Krieg zwischen der sowjetischen Armee und den litauischen Partisanen fast bis zur Unabhängigkeit 1991 fortdauerte und es kaum eine litauische Familie gibt, die nicht Opfer zu betrauern hat, sei es durch Tod, Deportation nach Sibirien oder Auswanderung. Gerade im Zusammenhang mit der „Singenden Revolution“ wurden die Partisanen absolut glorifiziert. Und dann kommt Cetrauskas und ironisiert die Heldentaten, läßt sein Alter ego im Roman gar in eine „ironische Resistenz“ übergehen. Erst langsam beginnt in der litauischen Gesellschaft ein Umdenken. In den post-kommunistischen Ländern war zu beobachten, daß viele ehemals etablierte Autoren nach dem politischen Umbruch an einer Schreibblockade litten, da der Gegenstand gegen den sie anschrieben nicht mehr existierte. Erst langsam rückten die „jungen Wilden“ nach. Auch in Litauen? „Man kann jetzt alles schreiben, mit Sprachstilen operieren und viel experimentieren. Das führte zunächst dazu, daß vieles fäkal und onanistisch dargestellt wurde, was bei uns in Deutschland nur noch ein müdes Gähnen hervorruft. Ein Generationenkonflikt existiert unterschwellig und ist schwer durchschaubar, da man in Litauen sehr höflich miteinander umgeht. Die mittlere Generation, also die heute sechzigjährigen, ist froh, daß sie endlich schreiben kann und nimmt dieses Recht auch in Anspruch. Die Jüngeren beharren darauf, daß sie jetzt dran seien. Dieser Konflikt zieht sich übrigens auch durch die Institutionen.“ Umso bemerkenswerter ist, daß Rolf Duscha im Athena Verlag an der Reihe festhält. Nachdem Litauen 2002 Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse war, verblasste die Euphorie rasch wieder, und nun hat es litauische Literatur wieder schwer, wahrgenommen zu werden. Es gibt Hoffnung, aber es ist auch noch viel zu tun. Gabriela Friedrich Teodoras Cetrauskas – Als ob man lebte Weitere Informationen unter: www.booksfromlithuania.lt (deutschsprachig) ------- KULTURHUS BERLIN hat für Sie gelesen:Dace Ruksane: Warum hat du geweint Janis Jaunsudrabinš: Ich erzähle meiner Frau |
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