| Transformation Richtung Skandinavien? Die skandinavischen Staaten setzen auf das Baltikum |
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| Skandinavien – ein geographischer Begriff, für den es keine einheitliche Definition gibt. Sind dies nun die drei Länder Schweden, Norwegen und Dänemark, oder gehören Finnland, Island und die Färöer-Inseln ebenfalls dazu? Jedenfalls - was Finnland betrifft - würden hierzulande heute wohl die meisten die Zugehörigkeit bejahen, wenngleich die Finnen selbst das unterschiedlich sehen. Und historisch gesehen sind die Inselreiche im Westen sehr eng mit Norwegen und Dänemark verbunden, nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Es gibt noch ein weiteres verbindendes Element im Norden Europas, das einen größeren Zusammenhang schafft: Die Ostsee. Dänemark, Schweden und Finnland sind Anrainerstaaten. Normalerweise verbinden Meere die Menschen an ihren Ufern miteinander, indem sie als Transportwege dienen, den Handel ankurbeln, kulturellen Austausch bewirken. Jahrzehntelang waren die Ostseeanrainer durch den Eisernen Vorhang getrennt. Oftmals gelang lediglich durch herangeschwemmten Müll das gegenüberliegende Ufer wieder ins Bewußtsein. Doch heutzutage ist die Situation eine andere. Der Austausch kann wieder stattfinden und tut es längst in hohem Maße. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen setzten nach ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1991 sehr auf Deutschland als Partner für Aufbauhilfe und als wirtschaftlichen Investor. Aufgrund der sowjetischen Besatzung und sicherlich auch der langen gemeinsamen Geschichte mit den Deutschen sind in den baltischen Ländern trotz (der jahrelangen Fremdherrschaft und) der Grauen des Nationalsozialismus nicht nur ein zumeist positives Deutschlandbild, sondern auch erstaunlich gute deutsche Sprachkenntnisse erhalten geblieben. Die großen Erwartungen von einst wurden allerdings bei weitem nicht ihrem Umfang entsprechend erfüllt: Deutschland ist politisch wie wirtschaftlich sehr an einem intensiven Austausch mit Russland interessiert. In die Entscheidung über den Bau der deutsch-russischen Erdgas-Pipeline durch die Ostsee beispielsweise wurden die übrigen Anrainerstaaten nicht miteinbezogen. Allerdings sind neue Partner an die baltischen Länder herangetreten und haben Deutschland mittlerweile sogar überholt. Ihre Unternehmen sind heute im Stadtbild jeder größeren baltischen Stadt durchgängig präsent: Die skandinavischen Staaten. Nicht nur die lettische Holzproduktion für Ikea, die großen Bankenkonzerne, Bierlieferanten und Supermarktketten sind es, die das Baltikum erobern. Der Nordische Ministerrat mit Sitz in Kopenhagen eröffnete bereits 1991 Büros in allen drei baltischen Staaten, 2006 wurde ein jährliches Gipfeltreffen zur Auswertung der Zusammenarbeit mit der Baltischen Versammlung etabliert. Auch von Seiten der kulturellen Einrichtungen gibt es Spezial-Programme für das Baltikum. So vergibt z.B. der norwegische Schriftstellerverband Stipendien für Aufenthalte in den baltischen Ländern, und der Nordische Rat setzt in seinem Handlungsplan für die Jahre 2007-09 die Entwicklung eines Rahmenprogrammes für kulturelle Zusammenarbeit mit u. a. diesen drei Staaten auf die Agenda. Es paßt gut ins Skandinavienbild, nicht auf die Giganten zu setzen, sondern das Potenzial in kleinen Ländern zu suchen. Angesichts der vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten der baltischen Länder eine durchaus lohnenswerte Einstellung. Wenngleich viele Städte wie Klaipeda (das ehemalige Memel), Riga und vor allem Tallinn (ehemals Reval) eine norddeutsche Architektur aufweisen, erinnert doch die Holzhausarchitektur auf dem Lande und in kleineren Städten vielerorts an Skandinavien, in Estland sogar deutlich stärker als in Litauen. Estland hat sich längst selbst zum nordischen Staat erklärt, wenngleich dies durchaus fragwürdig erscheint. Dies wirft aber einige interessante Fragen auf: Werden sich die baltischen Staaten also auch in ihrer Mentalität den skandinavischen annähern? Inwieweit ist so etwas nach einer fast 50jährigen Vergangenheit als Teil der Sowjetunion möglich, in der die gesellschaftlichen Prozesse, die in Skandinavien zu in sich gefestigten Gesellschaften führten, nicht stattgefunden haben? Transformation Richtung Skandinavien? KULTURHUS BERLIN begreift die nordeuropäischen Regionen als einen Raum, der neue und gemeinsame Perspektiven eröffnet – von Grönland, das mit Dänemark assoziiert ist, bis hin zu Sankt Petersburg. Unser SPEZIAL-Newsletter August 2007 widmet sich deshalb diesmal dem Baltikum. Lettland, Litauen und Estland - drei Länder, die in Deutschland oftmals in einem Atemzug genannt werden. Länder, die - wie eben alle Nachbarländer der Welt - neben den vielen Gemeinsamkeiten ebenso viele Unterschiede zueinander aufweisen. Estland hat von jeher viele Gemeinsamkeiten mit Finnland, nicht nur die eng miteinander verwandten Sprachen, die zu den wenigen noch existierenden finno-ugrischen Sprachen gehören. Finnland, damals von Schweden regiert, legte im 16. Jahrhundert den Grundstein für die heutige Hauptstadt Helsinki eigens deshalb, um dem blühenden Tallinn vis-á-vis Konkurrenz zu machen. Finnisches Fernsehen konnte zu Sowjetzeiten in Teilen Estlands empfangen werden, wovon die Esten häufig Gebrauch machten. Riga – nicht nur die Hauptstadt Lettlands, sondern mit seinen derzeit knapp 730.000 Einwohnern auch die Hauptstadt des Baltikums – ist eine typische alte Hansestadt. Historisch betrachtet war sie immer eine Vielvölkerstadt, bis zum Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939, der die Umsiedelung der sogenannten Deutschbalten „heim ins Reich“ und deren Umbenennung in „Baltendeutsche“ diktierte. Für Skandinavier wie Deutsche stellte Riga seit jeher ein attraktives Zentrum dar, und nicht wenige von ihnen lebten hier. Litauens Geschichte ist dagegen eng mit der polnischen verbunden. Doch denkt man bei Litauen oft sofort an die Kurische Nehrung – diesen zauberhaften Landstreifen inmitten der Ostsee, in der Ostseeidylle noch im Reinformat zu erleben ist. Und die Hafenstadt Klaipeda ist eine Ostseehafenstadt, die mit Rostock oder Danzig vieles gemein hat. Die enge Zusammengehörigkeit ist also wieder im Wachsen begriffen, wenngleich in erster Linie in wirtschaftlicher Hinsicht. KULTURHUS BERLIN möchte mit diesem SPEZIAL ein wenig dazu beitragen, die Perspektiven zu erweitern. Margerita Bube |
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