SPEZIAL: Nordeuropäische Kunst in Berlin – Inhalt
PREMIERE:
Unter den Linden – Spiegelkunst im Opernhaus. Olafur Eliasson
macht das Bühnenbild für Hans Werner Henzes „Phaedra“
in der Staatsoper Berlin
DESIGN:
Bonde, Billy und Ivar haben Geschwister bekommen.
GALERIE:
Die Galerie Nordenhake Berlin – Stockholm
INTERVIEW:
"Hört nie auf zu zweifeln!" – KULTURHUS BERLIN
im Gespräch mit dem norwegischen Künstler Lars Ø Ramberg
NEUERÖFFNUNG:
Nolde kommt. Im September eröffnet am Gendarmenmarkt eine ständige
Ausstellung mit Bildern des großen Expressionisten
AUSSTELLUNG:
Das Leben verbessern. Eine ungewöhnliche Ausstellung auf dem Kongens
Nytorv – INDEX: AWARD 2007 – Design to improve Life
Olafur Eliasson macht das Bühnenbild für Hans Werner Henzes
„Phaedra“ in der Staatsoper Berlin
Der international renommierte in Dänemark geborene Künstler
Olafur Eliasson ist bekannt für seine Spiegel- und Labyrinthräume.
Nun macht der 40jährige zum ersten Mal das Bühnenbild für
eine Oper. Gemeinsam mit dem Regisseur Peter Mussbach arbeitet er seit
ungefähr einem Jahr an der Umsetzung von Hans Werner Henzes jüngstem
Werk: die Konzertoper „Phaedra“, die im Auftrag verschiedener
deutscher Opernhäuser entstanden ist und am 6. September in der
Berliner Staatsoper uraufgeführt wird.
Als Ausgangspunkt ihrer Interpretation benennen Eliasson und Mussbach
den Begriff der Konzertoper, den sie als Kompilation von Hören
und Sehen, von Musik und Szene verstehen. Beiden Elementen wollen sie
Raum geben, sie aber immer wieder auch gegeneinander ausspielen. Das
Auge soll das Ohr irritieren und das Ohr das Auge. Mussbach hat mit
Eliasson einen Künstler in das Projekt integriert, der diese Verunsicherungen
von Wahrnehmung in vielen seiner Werke reflektiert. In der Inszenierung
wird die Trennung von Hören und Sehen zunächst ganz einfach
räumlich umgesetzt. Das Orchester, bestehend aus etwa 26 Musikern
des virtuosen, in der Aufführung moderner Musik versierten „Ensemble
modern“, sitzt nicht im Orchestergraben, sondern hinter den Zuschauern
im Parkett. Auch die Sänger befinden sich anfangs außerhalb
der gewohnten Sichtachse und bewegen sich, vor allem im ersten Teil
des Stücks, hauptsächlich auf einem Laufsteg, der durch den
Zuschauerraum zur Bühne führt. Der zweite Teil, der im Gegensatz
zum ersten Teil nicht in der Götter-, sondern der Menschenwelt
spielt, verlagert das Geschehen auf die Bühne. Der Bühnenraum
bleibt allerdings auch hier oft weitgehend leer und wird auf wenige
Requisiten reduziert. Zentral stehen die Kunstobjekte Eliassons: große
Spiegelkaleidoskope, in denen nicht nur die Sänger und Musiker
tausendfach gebrochen werden, sondern in denen sich auch die Zuschauer
spiegeln. Diese können dadurch sich selbst und die anderen Zuschauer
während der Vorstellung betrachten und, so die Intention der Inszenierung,
den Akt der Wahrnehmung kritisch reflektieren.
Im Werkstattgespräch in seinem Berliner Atelier, das, in den Brachen
hinter dem Hamburger Bahnhof gelegen ein schönes Gegengewicht zum
intakten Operngehäuse Unter den Linden bildet, stellt Eliasson
dar, dass es ihm jedoch nicht nur um eine Infragestellung sinnlicher
Wahrnehmung, sondern um eine Problematisierung der Institution Oper
schlechthin gehe. Der Laufsteg verbindet also nicht nur Bühne und
Orchester, sondern durchbricht auch den Zuschauerraum. Die starre Anordnung
des auf seinem Platz festgezurrten, nach vorne ausgerichteten Zuschauers
wird so aufgehoben und die Distanz zum Zuschauer reduziert. Neben der,
auch von Mussbach intendierten Evokation einer introspektiven Zuschauerhaltung
will Eliasson das Medium Oper kontextualisieren. Es geht ihm um die
Profanierung des Mythos Oper. Sein eigener Lernprozess bestand darin,
das reichhaltige Angebot der Opernbühne an Effekten, Möglichkeiten
und Tricks zu reduzieren und auf ein Minimum an Ausstattung zu beschränken.
Ergebnis ist ein oft dunkler Bühnenraum, in dessen Mitte Eliassons
Kunstwerke zu sehen sind, so z. B. die Hyppolit-Maschine, in der im
zweiten Teil des Stücks, den der Librettist Christian Lehnert den
Ovidschen Metamorphosen entlehnt, der geschundene Körper Hyppolits
tausendfach fragmentiert und schließlich von Artemis wieder zusammengefügt
wird.
Den Zuschauer erwartet, wie der musikalische Leiter des Stücks,
Michael Boder, formuliert, ein Gesamtkunstwerk. Uraufgeführt wird
nämlich nicht nur Henzes Werk, das nach seiner schweren Erkrankung
im vergangenen Jahr eine besondere Tiefe und Feinheit erhalten hat,
sondern auch Eliassons Spiegelkunst. Man kann also höchst gespannt
sein auf den Zusammenprall von Oper und moderner Kunst.
Text und Photos: Constanze Gestrich
„Phaedra“
Konzertoper von Hans Werner Henze
Libretto von Christian Lehnert
Uraufführung am 6. September 2007 in der Staatsoper unter den Linden,
Berlin
Koproduktion mit dem Théatre Royal de la Monnaie Bruxelles, den
Wiener Festwochen, der Alten Oper Frankfurt und dem Musikfest Berlin
Musikalische Leitung: Michael Boder
Inszenierung: Peter Mussbach
Raumkonzept: Olafur Eliasson
Dramaturgie: Jens Schroth
Mit: Maria Riccarda Wesseling (Phaedra), Marlis Petersen (Aphrodite),
John Mark Ainsley (Hippolyt) u.a.
Unter Mitwirkung des Ensemble Modern
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DESIGN:
Bonde, Billy und Ivar haben Geschwister bekommen.
There is more to scandinavian design than IKEA. Eine Kurzweil
Skandinavisches Design ist zurück und das nicht zu knapp. Berlins
neue Mitte rund um Design ist zurück und das nicht zu knapp. Berlins
neue Mitte rund um den Hackeschen Markt ist gepflastert mit Läden
junger skandinavischer Modelabel. Im Prenzlauer Berg gibt es „Scandinavian
objects“ zu kaufen, und unter scandstyle.de geht das auch virtuell.
Das NORD Magazin, die selbsternannte unabhängige Plattform für
moderne Kultur und Design aus Skandinavien, widmet die neueste Ausgabe
jungen, dynamischen Vertreterinnen und Vertretern der skandinavischen
Mode- und Möbelwelt. Als „New Nordic Wave“ wird dieser
unübersehbare Boom bezeichnet, der sich seit einigen Jahren in
der Hauptstadt ausbreitet. Es ist offensichtlich – „Bonde“,
„Billy“ und „Ivar“ aus der großen IKEA-Familie
haben Geschwister bekommen.
Mit der 1954 eröffneten Wanderausstellung „Design in Scandinavia“,
die in den USA und Kanada an verschiedenen Schauplätzen bis 1957
zu sehen war, gelang skandinavischem Design der große internationale
Durchbruch. Norwegen, Finnland, Dänemark und Schweden repräsentierten
Haushaltswaren, Möbel und Konsumgüter. Ein Journalist kommentierte
die Aussteller folgendermaßen: „The Finns are people close
to nature, and their culture is profound. Even their rough monumental
stoneware pieces are full of feeling, primitive, and the same time refined.
[...] Norway, though still digging out from the effects of war, has
a characteristic vitality. It is a country of isolated towns and valleys,
naturally, the folk arts are an important factor in all their lives.
[...] The Swedes are sophisticated, objective, efficent, sure of themselves.
[...] Denmark is a country of exuberance – a land where fantasy
and imagination reach out and touch everything and are the chief ingredients
of Danish Design.“ Solche einfachen Darstellungen und Klischees
über die nordischen Länder haben das Bild skandinavischen
Designs jahrelang geprägt, und es erhielt schnell sein unverwechselbares
Branding: Es wurde als funktional, praktisch, schlicht und demokratisch
bezeichnet und mit dem Mythos Skandinavien, der Politik, Land und Leuten
verbunden.
Auch wenn Island auf der genannten Ausstellung nicht vertreten war,
gehört es zu den Akteuren, die die Arena „skandinavisches
Design“ bespielen. Dabei bezieht sich dieses Etikett natürlich
auf die geografische Nachbarschaft der Länder, unterstreicht aber
zugleich die gemeinsame Design-Geschichte. Weitere gemeinsame Ausstellungen
in Italien und Frankreich folgten und 1968 schafften die skandinavischen
Künstler ihren Weg mit einer Ausstellung auch nach Down Under.
In den 70er und 80er Jahren ebbte das internationale Interesse am skandinavischen
Design, ab und die politischen Gegebenheiten und ökonomischen Krisen
der Zeit führten zu einer Fokussierung auf nationale Belange. Das
in dieser Zeit entstandene „demokratische Design“ hatte
den Anspruch sozial gerecht zu wirken und wollte explizit für die
Vernachlässigten der Gesellschaft wie Kinder, die Alten und Behinderte
arbeiten. Die schwedische Möbel-Designerin Monica Förster
deutet es so, „Perhaps there is a little socialist in all of us
Scandinavians“.
Anfang der 90er Jahre begann das große internationale Comeback
mit zahlreichen Ausstellungen, Symposien und Zeitungsartikeln. Trotz
der innovativen Entwicklungen auf dem skandinavischen Designmarkt der
letzten Jahrzehnte ist das Branding der 50er Jahre geblieben, und das
lag nicht zuletzt an den Designerinnen und Designern selbst. Traditionelles
Design wurde weniger als Last empfunden, von dem es sich zu befreien
galt, sondern als Herausforderung und Spiel. Moderne demokratische Designer
brachen die Barrieren zwischen Designer und Konsument auf. Mit einem
ironischen Unterton gaben Studenten der Iceland Academy of the Arts
die Broschüre „Designer for a day“ heraus, in dem sie
die Leser ermuntern, nach einer Schritt-für-Schritt-Anleitung ad
hoc Designs zu entwickeln.
Die traditionellen Prinzipien wurden von der jungen Designergeneration
erneuert, erweitert oder als Medium genutzt, um eigne künstlerische
Statements zu setzen. Ob nun in der Möbel-, Mode- oder Gegenstandswelt
– Funktionalität definiert nach wie vor die skandinavische
Szene.
Die Designerinnen und Designer von Heute mischen eine Portion Ironie,
Humor und Exklusivität in ihr Design, und ihre Objekte sprechen
für sich selbst. Die Kleidung ist ein bisschen schräg und
elegant, die Möbel ein bisschen abnorm und funktional und die Vasen
ein bisschen bizarr und augenscheinlich schön. Und es gilt den
eingangs formulierten Satz zu revidieren, denn sie sind weniger Geschwister
der großen IKEA-Familie, sondern bestehen mit ihren eigenständigen
unabhängigen Labeln.
Frauke Stuhl
Literatur:
Halén, Widar and Kerstin Wickman: Scandinavian design beyond
the myth: fifty years of design from the Nordic countries. Ausstellungskatalog.
Stockhom 2003.
Nelson, Katherine E.: New Scandinavien Design. San Francisco
2004.
NORD Magazin. 4 (2007)
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GALERIE:
Die Galerie Nordenhake Berlin – Stockholm
Die Galerie Nordenhake gehört zu den großen und wichtigen
Galerien Berlins für zeitgenössische Kunst und ist hier diejenige
mit der klarsten Anbindung an Nordeuropa. Und das nicht nur, weil Claes
Nordenhake aus Schweden kommt, sondern weil er in seiner Galerie neben
deutschen und amerikanischen Künstlern v. a. Künstler und
Künstlerinnen aus Nordeuropa vertritt.
Claes Nordenhake eröffnete seine Galerie 1973 im südschwedischen
Malmö. Von dort aus zog sie 1986 nach Stockholm, wo sie in der
Königlichen Akademie der schönen Künste repräsentative
Räume beziehen konnte. Im Jahr 2000 eröffnete Nordenhake eine
Dependance seiner Galerie in Berlin. Ab September 2007 wird sie nicht
mehr wie bisher in der Zimmerstr., sondern zusammen mit anderen interessanten
Galerien in der Lindenstraße 34 zu finden sein.
Ein Einstieg in den Kunstmarkt gelang Nordenhake in den siebziger Jahren
mit Vertretern konkreter Kunst, d. h. einer Kunst der reinen Gegenstandslosigkeit.
Bereits 1976 zeigte Nordenhake Bilder des 1981 verstorbenen schwedischen
Künstlers Olle Baertling. 30 Jahre später kuratierte die Galerie
in Berlin eine Retrospektive, in der die Entwicklung des Künstlers
der „offenen Form“ nachvollzogen werden konnte.
In den 80er Jahren holte Nordenhake Künstler einer radikal monochromen
Malerei in die Galerie, bot aber auch Bildhauern wie Ulrich Rückriem
und Richard Serra Raum für Ausstellungen.
Sein Faible für eine minimalistische, konstruktivistische Formensprache
pflegt Claes Nordenhake bis heute. Auch in Berlin überzeugen seine
Ausstellungen immer wieder mit Werken junger Künstlerinnen und
Künstler aus dem Bereich Installation, Skulptur und konkrete Malerei.
Sophie Wennerscheid
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INTERVIEW:
"Hört nie auf zu zweifeln!"
KULTURHUS BERLIN im Gespräch mit dem norwegischen Künstler
Lars Ø Ramberg
In 8 x 40 Meter großen neon–hell leuchtenden Buchstaben
blickte im Frühjahr 2005 ZWEIFEL vom Dach des Palasts der Republik
auf Berlin herunter. Diese eindrucksvolle Installation des Norwegers
Lars Ø Ramberg sorgte damals für ein enormes Medienecho,
konnte sich die frisch vereinte Bundesrepublik doch einfach nicht über
den Verbleib/Gebrauch/Verbrauch des Hauses einigen.
KULTURHUS BERLIN: Wie und wann ist die Idee zum Projekt
„Zweifel“ entstanden?
Lars Ø Ramberg: Ich bin 1998 als Stipendiat
des Künstlerhauses Bethanien nach Berlin gekommen und habe erstmal
geguckt, wo ich überhaupt bin, was hier passiert, was der aktuelle
Diskurs ist. Ziemlich schnell stieß ich auf die intensive und
in den Medien stark präsente Debatte, um den Palast der Republik
und was damit geschehen soll. Es war eine nationale Debatte, die fragte,
wer wir überhaupt sind – ein Volk oder zwei und überhaupt.
Ich habe mich sehr damit auseinandergesetzt, intensiv nachgeforscht
und gelernt, dass es diese Debatte bereits seit acht Jahren gibt. Ich
dachte mir, hier müsste ich irgendwas machen und habe zusammen
mit Assistenten und Leuten, die sich bereits in der Debatte engagiert
hatten, eine erneute Recherche begonnen.
KULTURHUS BERLIN: Aber ging es gerade bei der Debatte
um den Palast der Republik, nicht eher um die Befindlichkeiten der Ostdeutschen?
Lars Ø Ramberg: Selbstverständlich. Ich
finde das Gebäude hätte man überhaupt nicht abreißen
dürfen, denn das Gebäude hat einen historischen Wert. Es ist
dabei auch egal, ob man es hässlich findet oder nicht. Ich finde,
es ist ein sehr schönes Gebäude, das leider wegen der so genannten
Asbestbeseitigung zerstört wurde. Wenn man Bilder vom neu gebauten
Palast der Republik anschaut, sieht man Parallelen zu Le Corbusier,
Mies van der Rohe, den Modernisten aus den 50er und 60er Jahren oder
sogar früher. Das Argument, dass er sei hässlich oder, dass
er nicht zur Architektur von Unter den Linden passen würde, finde
ich lächerlich, denn was passt zu Unter den Linden? Unter den Linden
ist eine historische Meile, und der Palast ist ein Teil der deutschen,
der internationalen oder sogar globalen Geschichte. Historisch gesehen,
gehört er zu den wichtigsten Gebäuden in Berlin und in Deutschland
überhaupt. Dort wurden die große Entscheidung hinsichtlich
der Berliner Mauer, hinsichtlich des Kalten Krieges getroffen. Es ist
traurig, dass man diesen Einfluss in Deutschland nicht sieht, und deshalb
hätte man ihn überhaupt nicht abreißen sollen. Und das
sage ich nicht als Ostalgiker, sondern als „Historiker“
oder „Philosoph“. Das Kolosseum in Rom wird auch nicht abgerissen,
obwohl dort so viele fürchterliche Sachen passiert sind. Als fester
Bestandteil der Geschichte Italiens würde man gar nicht auf die
Idee kommen.
Vor dem Hintergrund, dass Norwegen so eine junge Nation und unsere
Geschichte sehr kurz ist, hat mich das als Norweger sehr beeindruckt
und ich kann eigentlich nur neidisch werden, dass Deutschland so eine
aktuelle und lebendige Geschichte hat. Wenn man Unter den Linden entlang
geht, durchläuft man ein paar Jahrhunderte deutsche Geschichte
LIVE und in Farbe. Der Palast war so eine schöne Dialektik zu Bismarck
und Humboldt oder dem Brandenburger Tor. Der Abriss des Palastes zerstört
die Heterogenität der Stadt – ihr großes Kapital. Wenn
die Touristen etwas Schönes sehen wollen, fahren sie nach Paris
oder Rom. Nach Berlin kommen sie wegen eben der Heterogenität und
der Brüche. Die Besucher wollen keine historischen Attrappen und
eine Disney Version von Geschichte. Das ist nur peinlich.
KULTURHUS BERLIN: Wie bist Du auf den Titel „Zweifel“
gekommen?
Lars Ø Ramberg: „Zweifel“ war für
mich am Ende eigentlich eher ein Mantra als ein Titel, denn ich wollte
mich eher auf die Debatte beziehen. Egal ob pro oder kontra, für
mich ging es um die lebendige Debatte selbst, die wirkliche Demokratie
widerspiegelt. Für mich ist das großartig, denn die Debatte
widerspricht allen Vorwürfen gegenüber Deutschland, die ich
noch aus der Kindheit kenne. Man dachte nur, Deutsche sind Faschisten
oder Kommunisten oder egal was, aber immer extrem, immer unreflektiert
und unausgewogen. Aber während dieser Debatte um den Palast ist
mir klar geworden, dass diese langwierige Diskussion ein Beweis dafür
ist, dass Dinge sich geändert haben, dass Zweifel bestehen. Es
geht gar nicht, um die realen Ergebnisse, denn 16 Jahre Konsenslosigkeit
sind qualitatives Ergebnis genug. Und das fand ich so wahnsinnig toll,
und da bin ich echt neidisch. In meinem Vaterland gibt es so was nicht.
Man entscheidet sich Pang Pang, man will keine Zeit verschwenden, man
ist so wahnsinnig effektiv – ohne nachzudenken, ohne Zweifel.
Und ich wollte zeigen, dass kulturelles Kapital aber damit verbunden
ist, was Leute sagen: Wenn man die deutsche Geschichte zurückhaben
will, muss man Zweifel bekommen. Alle großen Philosophen haben
proklamiert, dass man die Welt durch Zweifel – durch kritisches
Nachdenken – besser verstehen kann. Wenn man gleichzeitig nach
vorne und nach hinten schaut, das heißt, sich historisch bewusst
ist, aber gleichzeitig zeitgenössisch denken will, dann ist Zweifel
das Mantra. Der Wiederaufbau des Schlosses ist reaktionär, denn
es gibt hier keinen Kaiser mehr. In dieser Konsequenz müsste man
gleich die Demokratie abschaffen. In dem Moment, wo man alles hinnimmt,
ist man wieder auf der falschen Spur. Und nach der Wiedervereinigung
gab und gibt es Zweifel. Zweifel ist aktuell und real und Voraussetzung,
um Dinge zu ändern.
KULTURHUS BERLIN: Deine Installation auf dem Palast
der Republik erfolgte in einer Zeit, als der Abriss längst beschlossen
war. Was war Deine Intention?
Lars Ø Ramberg: Meine Intention war es, ein
Denkmal zu machen, denn Berlin ist auch die Stadt der Denkmäler.
Ich wollte aber ein Denkmal über den Diskurs, über die Zweifel,
über die Offenheit und die Transparenz von heute machen. Es sollte
nichts abgeschlossenes sein, denn alle Denkmäler schließen
die Geschichte ein wie ein Concon Kokon. So nach dem Motto: So war’s
damals. Das war schlecht, das war gut – fertig. Ich wollte ein
Denkmal machen, dass dieser Denkmalkultur widerspricht. Denn die sind
so wahnsinnig selbstbewusst und denken die haben alles verstanden.
KULTURHUS BERLIN: Wer sind die?
Lars Ø Ramberg: Die Historiker, Politiker und
private Institutionen, die Denkmäler über große abgeschlossene
historische Tatsachen machen. Zumindest denken oder hoffen sie, dass
damit auch das historische Ereignis abgeschlossen ist. Ich meine, wenn
man beispielsweise ein Holocaust-Denkmal machen will, sollte man es
eigentlich jeden Tag neu erfinden, denn Geschichte ist jeden Tag präsent.
Häufig ist es aber so, wenn das Denkmal erstmal steht, wird das
Ereignis als beendet betrachtet, und damit beschäftigen muss man
sich nicht mehr.
Ich wollte ein Denkmal machen, dass sich sogar selbst widerspricht.
Es sollte sehr schön, groß, ästhetisch und monumental
aussehen, aber mit dem Schriftzug ZWEIFEL den Betrachter fragend zurücklassen.
Als Norweger konnte ich die Berliner bzw. die Deutschen nicht belehren,
aber ich wollte ihnen zeigen, dass die Debatte viel wichtiger ist, als
ein Schloss zu bauen oder einen Palast abzureißen. Denn die Debatte
ist einzigartig in der Welt. Es gibt keine anderen Länder, die
16 Jahre brauchen, um über ein Gebäude zu entscheiden, denn
es ging ja eigentlich gar nicht um das Gebäude, sondern um das
Volk. Und das finde ich sehr toll, und das wollte ich feiern und dem
Ganzen ein Denkmal setzen. Ich wollte sagen: Das habt ihr gut gemacht,
das ist toll. Macht weiter so. Nicht aufhören, nie aufhören
zu zweifeln. Denn das ist der Grund, warum ich überhaupt hier wohne.
KULTURHUS BERLIN: Welche Reaktionen gab es auf die
Installation auch im Hinblick auf Deine Nationalität als Norweger?
Lars Ø Ramberg: Ich war sehr kritisch gegenüber
meiner eigenen Rolle als Norweger, denn ich dachte, ich könnte
irgendjemand auf die Füße treten. Deswegen habe ich, bevor
ich mit dem Projekt begonnen habe, viele Leute gefragt, und alle haben
mich darin bestärkt, es durchzuführen. Wenn Du Ossi wärst,
würdest du sofort in einer Sackgasse landen, und wenn Du Wessi
wärst, dann würden alle denken, du machst Witze auf Kosten
der Ossis. Aber als Norweger sind meine Aussage und ich sehr schwierig
einzuordnen. So kam ich als Außenstehender in die Debatte, und
die Ost–West–Polarisierung wurde neu aufgerollt. Genau das
war auch meine Absicht. Ich wollte zeigen, dass die Welt nicht polarisiert
ist, nicht schwarz oder weiß, sondern viel mehr. Es gibt nämlich
einen dritten Pol, und dieser Pol heißt Zweifel. Zu Zweifel gibt
es nämlich keinen Gegenpol, und das finde ich sehr interessant.
KULTURHUS BERLIN: Welche Reaktionen kamen, als die
Installation bereits stand?
Lars Ø Ramberg: Die Reaktionen waren nur positiv.
Es ging dabei immer mehr um meine Aussage, als um meine Nationalität.
Meine Rolle als Künstler, als Aktionist und als Produzent von ästhetischen
Objekten war gefragt, und das fand ich toll. Da ist mir auch klarer
geworden, warum ich mich in Berlin so wohl fühle. In Berlin wird
Kunst als Äußerung von Intelligenz wahrgenommen und nicht
nur als Farbe und Form.
Man wird hier nicht sofort zu einem Handwerker, Illustrateur oder Bildmacher
reduziert, sondern als Denker wahrgenommen. Denken bedeutet in diesem
Fall nicht nur das akademische Denken, sondern auch an der Realität
teilzunehmen, seinen Platz einzunehmen und Zwischenräume zu besetzen
– die Fugen zwischen dem großen Backstein.
Auch wenn ich der Meinung bin, dass das Haus nicht abgerissen werden
sollte, war meine Kritik auch eine zweiseitige. In der DDR durfte man
per se nicht zweifeln. Aber auch im Westen nicht, und das ist, was man
heute schon wieder vergessen hat – der Westen ist genauso didaktisch
und demagogisch wie der Osten. Aber der Westen hat gewonnen, und dadurch
ist es weniger offensichtlich. Daher war es für mich auch eine
Kritik an allen Systemen und allen Ideologien, an alle Religionen, an
allen Wahrheiten. An allen Truismen, an die man überhaupt denken
kann, dass man weiß worum es geht, gestern, heute und morgen.
KULTURHUS BERLIN: Wie konntest Du dieses große
Projekt letzten Endes durchsetzen? An wen musstest Du Dich speziell
wenden?
Lars Ø Ramberg: Um das Projekt überhaupt
durchführen zu können, habe ich die letzten drei Jahre meiner
Arbeit sehr intensiv genutzt, um eine Lobby zu schaffen, um Kontakte
zu knüpfen und um es finanzieren zu können. Es gab zwar eine
Zusage vom Berliner Senat, aber Frau Christina Weiß (damalige
Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Red.) hatte
seinerzeit persönlich interveniert. Sie lehnte die finanzielle
Unterstützung des Projektes mit der Begründung ab, wenn es
überhaupt eine Ausstellung im Palast der Republik geben sollte,
dann darüber, wie schlecht es im Osten war. Wahrscheinlich hat
sie gedacht, wenn es kein Geld gibt, dann werde ich das Projekt auch
nicht durchführen. Aber es gab ja die Erlaubnis – nur keine
Finanzierung. Dann habe ich 2004 einen norwegischen Sponsor –
eine norwegische Ölfirma – gefunden, die Interesse hatte,
ZWEIFEL als Teil eines Projekts für das norwegische Nationaljubiläum
in Jahre 2005 zu nutzen. Ich sollte allerdings etwas in Norwegen machen
und habe daher vorgeschlagen, dass Projekt als erste Stufe in Deutschland
durchzuführen und ein Jahr später ins Norwegische zu übersetzen.
Und so stand die Finanzierung – aus norwegischen Geldern, und
die waren eigentlich für das norwegische Nationaljubiläum
vorgesehen. Die Berliner haben wohl einen Schock bekommen, denn plötzlich
hatte ich das Geld, und die Genehmigung gab es ja noch.
Als ich im Januar 2005 schließlich mit den Aufbauarbeiten am Palast
begonnen hatte, kam eine Gruppe Abgeordneter mit dem Taxi vorbeigefahren,
und die sind zu mir aufs Dach hochgeklettert. Sie fragten, was hier
passiert, guckten sich immer wieder an, flüsterten und wirkten
ziemlich nervös. Schließlich fragten sie mich, ob sie das
finanziert hätten und waren sichtlich erleichtert, als ich die
Frage verneinte. Danach waren sie ganz herzlich und sagten, wie toll
sie das Projekt fänden, und das es das Tagesthema im Bundestag
war. Herr Flierl hat es später dem Bundestag noch mal vorgestellt
und wurde damit quasi dort zum Godfather meines Projektes. Der damalige
Botschafter Björn Tore Godal hat die Installation Ende Januar 2005
schließlich eröffnet. Ohne die Unterstützung der Sponsoren,
die Hilfe vieler Politiker und der Norwegischen Botschaft hätte
ich das Projekt nicht realisieren können.
KULTURHUS BERLIN: Im Oktober 2007 findet in Berlin
im Rahmen des gleichnamigen Projekts „Zweifel“ eine Konferenz
mit dem Titel „Anerkennung“ statt, zu der Du auch eingeladen
bist. In welchem Verhältnis stehst Du zu diesem Projekt, das denselben
Namen trägt?
Lars Ø Ramberg: Ich finde es toll. Die Leute,
die diese Konferenz durchführen, kommen u. a. aus Norwegen und
bei dem Stichwort - Anerkennung. Auch sie haben mein Projekt sehr gelobt
und mich höflich gefragt, ob sie ihr Projekt auch so nennen dürfen.
Was ich an ihrem Projekt toll finde, ist, dass sie versuchen, Zweifel
in mehr allgemeinen Termini zu interpretieren. Das Projekt ist ganz
breit gefächert und besteht aus Medizinern, Sozialwissenschaftlern,
Philosophen und Politikern. Sie betrachten Zweifel auf der zeitgenössischen
Ebene, als Logo oder Mantra. Denn auch in der Wissenschaft und Forschung
ändern sich die Sichtweisen – die Wissenschaftler erkennen,
dass auch sie ihre Grenzen haben. In der Rauschforschung beispielsweise,
ist eben nicht alles schwarz und weiß, denn es geht darum, nicht
nur die Patienten zu belehren, sondern auch selbst etwas von den Patienten
zu lernen. Diese Verschiebung finde ich wahnsinnig gut. Und wenn ich
mit meiner Arbeit Inspiration für Wissenschaft und Wirtschaft geschaffen
habe, dann finde ich das erst recht toll. Ich sehe meine Kunst nicht
isoliert, sondern als Teil der Gesellschaft. Wenn sie wahrgenommen wird,
kann sie etwas in Gang setzen wie eine Art Generator oder Rakete. Deshalb
finde ich es genauso toll, dass der Spiegel ein zweiseitiges Bild vom
Palast des Zweifels druckt, wenn sie einen Artikel „Eine Nation
auf der Suche“ darüber schreiben, wo Deutschland nach 60
Jahren steht. Es ist für mich das schönste, dass ich nicht
nur in Kunstmagazinen der Welt lande, sondern auch in der Politik zitiert
werde, wo ich einmal angefangen habe. Das ist für mich ein Zeichen
dafür, dass ich richtig liege und dass ich ernst genommen werde,
und zwar nicht als Demagoge, nicht als Besserwisser, sondern eben auch
als Zweifler.
KULTURHUS BERLIN: Was machst Du auf der Konferenz
genau?
Lars Ø Ramberg: Bei der Konferenz mache ich
eine Führung mit dem Boot. Wir fahren am Palast der Republik vorbei
bis hin zum Kanzleramt und zum Hauptbahnhof, wo die neue Stadt entsteht.
So kann man den Palast auch in einem größeren Kontext betrachten.
Der Palast der Republik bzw. der Palast des Zweifels, wie er für
mich immer noch heißt, steht ja nach wie vor und ist eine aktive
und immer noch hübsche Ruine. Und selbst als Ruine, mit jedem Stahlträger
der abmontiert wird, wird das Gebäude präsenter. Ich glaube,
in dem Moment wo er vollständig abgetragen ist, schwebt ein Gedächtnis
oder ein Bewusstsein über dem Palast des Zweifels. Damit meine
ich nicht den Palast, wie er zu DDR–Zeiten dort gestanden hat,
sondern ein Nachbild von diesen 16 Jahren Debatte, die so echt und so
authentisch war. Interessanterweise hat der Palast des Zweifels nämlich
länger gelebt, als der Palast der Republik. Der Palast der Republik
war 12 Jahre in Funktion, aber der Palast des Zweifels ist viel länger
ein aktives und diskutiertes Objekt gewesen. Ich denke, das wird auch
noch die nächsten hundert Jahre so bleiben.
KULTURHUS BERLIN: Und was erfolgt nach Zweifel? Annerkennung?
Ruhm und Ehre? Oder Erkenntnis?
Lars Ø Ramberg: Erkenntnis ist sehr wichtig.
Persönlich fühle ich mich seit dem Projekt in Berlin vor allem
respektiert, und zwar als jemand, der nicht nur zuguckt, sondern einen
Beitrag geleistet hat. Ich bekomme immer noch viel Lob dafür, dass
ich so viel in diese Stadt investiert habe – in diese hässliche
Stadt Berlin, wo alle jammern, dass sie kein Geld haben, aus der alle
eigentlich weg wollen. Aber trotzdem funktioniert Berlin wie ein Magnet,
der Millionen von Menschen anzieht, um eben die Brüche und Heterogenitäten
der Stadt zu erleben. Ich kann nur hoffen, dass selbst wenn der Palast
abgerissen ist, Berlin niemals so homogen und so schön wird, wie
es viele Politiker erhoffen. Wir wissen alle was passieren könnte,
wenn man eine Stadt oder eine Nation homogen machen will, oder schön
oder rein oder heil oder wie auch immer man das nennt. Ich finde gerade
diese Präsenz der Unreinheit ist das, was Berlin immer noch absolut
zu einem Unikat macht. Wenn ich dazu beigetragen habe, dann bin ich
wahnsinnig glücklich.
Das Gespräch führte Frauke Stuhl
[nach oben]
NEUERÖFFNUNG:
Nolde kommt. Im September eröffnet am Gendarmenmarkt eine ständige
Ausstellung mit Bildern des großen Expressionisten
„Sie meinen Emil Nolde? Den Maler?“ Die dänische Frau
am Strand kennt den Namen des berühmten Mannes aus Deutschland.
Dass er zeitweise hier in Lildstrand wohnte, weiß sie aber nicht.
Und auch der Fischer grübelt und kann uns doch nicht helfen.
Wir sind hier an Nordjütlands Westküste und auf der Suche
nach dem Haus, in dem Emil Nolde mit seiner Frau Ada 1901 den Sommer
verbrachte. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto hat uns die Nolde-Stiftung
in Seebüll gegeben. Es zeigt Noldes Gastgeber vor dem kleinen Fischerhaus,
in dem die beiden Sommerfrischler im Erdgeschoss rechts von der Tür
gewohnt haben. Das Haus soll bis vor einigen Jahren noch hier gestanden
haben. Wir können es nicht finden. Aber das ist nicht schlimm,
wenn man dafür an einem Ort wie Lildstrand ist.
Emil Nolde hieß eigentlich Hans Emil Hansen. Geboren 1867 in
einem kleinen Dorf bei Tønder, das damals noch zum Deutschen
Reich, heute zu Dänemark gehört. Er wächst auf dem Land
auf, besucht die Dorfschule, die den Jungen nicht besonders interessiert,
Hans Emil bleibt sitzen. Er malt und zeichnet lieber - zur Not mit Holunder
und Rote-Bete-Saft. Eine Ausbildung zum Holzschnitzer muß er sich
beim Vater erkämpfen, dann arbeitet er in Möbelwerkstätten
in Berlin, München, Karlsruhe und besucht Abendkurse in der Kunstgewerbeschule.
Als junger Mann malt er Postkarten mit vermenschlichten Bergkarikaturen
und erzielt damit einen großen Verkaufserfolg, um den ihn viele
seiner Malerkollegen beneiden. Er wird finanziell unabhängig, leistet
sich ein Kunststudium, lernt in Kopenhagen die dänische Schauspielerin
Ada Vilstrup kennen und heiratet sie 1902. Und: Er ändert seinen
Namen - in Nolde, den Namen seines Geburtsortes. Aus Hans Emil Hansen
wird Emil Nolde, und der wird einer der bedeutendsten Expressionisten
Deutschlands. Er wohnt auf der Insel Alsen, reist viel, ist oft in Dänemark,
verbringt die Wintermonate häufig in Berlin. Sein Malstil ändert
sich mit der Zeit erheblich. Nolde wird anders - formbetonter, farbiger,
flächiger. Er steht stark unter dem Einfluß der Künstlergruppe
„Die Brücke“ , der er kurzzeitig angehört, und
die mit dem Expressionismus nicht nur einen eigenen künstlerischen
Stil, sondern die moderne Kunst in Deutschland prägt.
In Lildstrand stehen immer noch – wie an der gesamten dänischen
Westküste - graue deutsche Militärbunker aus viel Beton. Als
die gebaut wurden, hat Emil Nolde bereits Malverbot. 1937 werden seine
Bilder auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt und
insgesamt 1052 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Das ist für
Emil Nolde Anlaß für große Bestürzung. Denn: Probleme
mit den Nazis hat er zunächst nicht. Im Gegenteil. Als mit Hitlers
Machtübernahme für die andersdenkenden Deutschen Lebensgefahr,
Exil und politische Verfolgung beginnen und die ersten Konzentrationslager
errichtet sind, fühlt sich der Maler in Deutschland noch recht
wohl und der nationalsozialistischen Bewegung durchaus verbunden. Seit
1934 Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig
beteiligt sich Nolde an den künstlerischen Debatten um die Kunst
im neuen Reich. Das Regime demonstriert Weltoffenheit und Großzügigkeit
gegenüber den Künstlern, und die diskutieren fleißig
mit: Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Schlemmer, Mies van der Rohe und Ernst
Barlach gehören zum Beispiel dazu. Eine Reihe moderner Künstler
bekennt sich zum Deutschtum in ihrer Kunst, entdeckt ihre mythisch-germanischen
Wurzeln, tritt gegen die „Überfremdung der deutschen Kunst“
auf und findet sogar in Joseph Goebbels einen Protektor. Alles Huldigen,
Unterwerfen und Taktieren hilft jedoch nicht. Bereits 1936 haben die
Nazis das Interesse am Expressionismus verloren. Die innere Gleichschaltung
ist erreicht, das System stabil und weitere Vorwände und Rücksichtnahmen
sind nicht mehr nötig. Aus den modernen werden die „entarteten
Bilder“. Auch aus denen Noldes. Er schreibt 1938 an Goebbels:
„Ich empfinde dies als besondere Härte und auch besonders,
weil ich vor Beginn der nationalsozialistischen Bewegung als fast einziger
deutscher Künstler in offenem Kampf gegen die Überfremdung
der deutschen Kunst (...) gekämpft habe (...) meine Kunst ist deutsch,
stark, herb und innig.“ 1941 wird Nolde aus der Reichskammer der
Bildenden Künste ausgeschlossen. Man verbietet Emil Nolde das Malen.
In Seebüll, wo er mit seiner Frau lebt, malt er heimlich, und bis
zum Kriegsende entstehen so über 1300 kleinformatige Aquarelle.
Nolde nennt sie seine „ungemalten Bilder“. Erst nach 1945
kann er wieder mit Ölfarben arbeiten. Er stirbt 1956 in Seebüll.
1968 verarbeitet Siegfried Lenz Noldes Schicksal literarisch in der
„Deutschstunde“, das Buch wird über 2,25 Millionen
mal verkauft und gilt auch im Ausland als einer der größten
Erfolge deutscher Nachkriegsliteratur.
In Seebüll nahe der dänischen Grenze werden Noldes Bilder
ab 1957 in jährlich wechselnden Ausstellungen gezeigt. 80 000 Gäste
kommen im Jahr, davon allein 30 000 aus Dänemark, wo Emil Nolde
einer der bekanntesten Maler ist. In seinem Testament vom 16. April
1946 schreibt Nolde: „Dankbar der Heimat, die uns eine sonnige
Kindheit erleben ließ und dankbar den Landen, die uns in schweren
und guten Zeiten Schutz und Förderung gaben, Dänemark und
Deutschland, errichteten wir eine selbständige freie Stiftung (...)
Es ist von einem Kunstgelehrten gesagt worden, daß die Kunst Emil
Noldes eine Brücke der Verständigung zwischen Skandinavien
und Deutschland werde bilden können. Wenn es geschehen möge,
sei dies - neben allem Künstlerischen - eine schönste Erfüllung
für uns beiden Künstlermenschen und Stifter.“
Am 20. September öffnet die Stiftung Seebüll mit „Nolde
und Berlin, 1910/11“ nun die erste Ausstellung in Berlin. Geplant
sind zwei bis vier wechselnde Ausstellungen im Jahr. Als erstes zu sehen
sind die Theateraquarelle, die Emil Nolde während Proben und Abendaufführungen
im Deutschen Theater und den Kammerspielen zeichnete.
Ulrike Schulz
Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin
Jägerstraße 54/55
Öffnungszeiten:
Täglich 10-19 Uhr
6 Euro, 4 Euro ermäßigt für Schüler und Studenten
23. September, ab 12 Uhr
Kunstherbst | Tag der Offenen Tür
„Emil Nolde lädt ein“
www.kunstherbst.de
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AUSSTELLUNG:
Das Leben verbessern. Eine ungewöhnliche Ausstellung auf dem Kongens
Nytorv
INDEX: AWARD 2007 – Design to improve Life
INDEX: ist die Abkürzung für ein globales NGO-Netzwerk mit
Sitz in Dänemark, dessen Schwerpunkt die Entwicklung von Design
ist, das Leben verbessern soll. Ziel ist nicht einfach die Verschönerung
von Häusern oder Gegenständen durch neues Design, vielmehr
stehen nachhaltige Entwicklungen im Vordergrund des diesjährigen
weltweiten Wettbewerbs, an dem sich 400 Teilnehmer aus 39 Ländern
beteiligt haben. Alle zwei Jahre ruft INDEX: mit einem Wettbewerb dazu
auf, interdisziplinär entwickelte Projekte einzusenden, die sich
mit aktuellen und zukünftigen Herausforderungen auseinandersetzen.
Was verbirgt sich hinter „Design to improve Life“? Für
die Direktorin der Organisation, Kigge Hvid, und die Programmdirektorin
Lise Vejse steht INDEX: für eine neue Denkrichtung, für die
Ausweitung des herkömmlichen Designbegriffs: Er umfaßt nicht
nur schöne, industrielle Produkte, sondern beispielweise auch Dienstleistungen
und Prozesse. Form ist immer noch wichtig, aber um konkrete Ziele zu
erreichen, müssen andere Parameter addiert werden, nämlich
menschliche Werte und Bedürfnisse. Ästhetik wird nicht ausgeschlossen,
denn auch in ärmeren Regionen wird Schönheit geschätzt.
INDEX: richtet die Aufmerksamkeit primär auf ökonomisch tragbare
Ideen. Zwar bezeichnen die beiden Leiterinnen ihre Einrichtung als „do
good organisation“, gleichzeitig aber ist diese ein Wirtschaftsunternehmen,
das mittlerweile schwarze Zahlen schreibt. Der Preis dafür ist
wie bei allen kulturellen Initiativen hoch: 75 Prozent der Arbeitszeit
bestehen aus Fundraising. Zu den weltweiten Problemen, mit denen sich
der Wettbewerb regelmäßig auseinandersetzt, gehören
Wasserknappheit und CO2 Emissionen ebenso wie Umweltschutz, Gesundheit
oder Sicherheit am Arbeitsplatz.
Von den in diesem Jahr eingereichten Vorschlägen wurden 106 für
den größten Design Award der Welt nominiert. Alle ausgewählten
Exponate werden in Plexiglaskugeln vom 17. August bis 23. September
unter der Schirmherrschaft des dänischen Kronprinzen auf dem Platz
Kongens Nytorv im Zentrum Kopenhagens gezeigt (s. Abb. 1). Die Form
der Freiluftausstellung wurde bewußt gewählt, um die Exponate
einem breitem Publikum zugänglich zu machen, das selbst einen Designentwurf
mit einem Publikumspreis küren dufte. Eine international besetzte
Jury, bestehend aus führenden Designern, Designforschern, Designkritikern
und -entwicklern, wählte zudem fünf Gewinner aus den vorgegebenen
Kategorien Körper, Haus, Arbeit, Spiel und Gemeinschaft. Beurteilt
wurden der ethnische und kulturelle Kontext des Designs sowie sein Einfluß
auf die Gesellschaft, seine Nachhaltigkeit und die Anzahl der Menschen,
die davon profitieren können. Der sechste zu vergebene Preis ist
als Publikumspreis wie alle anderen mit einem Preisgeld in Höhe
von 100.000 Euro dotiert. Nominiert waren 2007 auch vier deutsche Beiträge,
darunter „MYGO“, ein dynamisches und interaktives Leitsystem
in Städten für Blinde, oder „Healing“, der Entwurf
eines Klassenzimmers aus Holz zur Verbesserung der Lernfähigkeiten
geistig behinderter Kinder (s. Abb. 2).
Zu den diesjährigen Gewinnern, die am 24. August bekannt gegeben
wurden, gehören die „Solar Flasche“ (s. Abb. 4) zur
Aufbereitung verunreinigten Wassers, der „Tesla Roadster“,
ein elektrisches Auto, das bei Null Emissionen eine Spitzengeschwindigkeit
von über 200 km/h schafft, oder das mit dem Publikumspreis gekürte
„Antivirus“, eine umfunktionierte Getränkedose, in
der infizierte Nadeln entsorgt werden können und die so vor weiteren
Infektionen schützt.
Abschließend die Frage: Hat INDEX: bereits das Leben verbessert?
Kigge Hvid und Lise Vejse verweisen mit Überzeugung auf das Gewinnerdesign
von 2005, „Lifestraw“, einen Strohhalm mit eingebautem Filter,
der verunreinigtes Wasser trinkbar macht. Der Strohhalm erhielt nicht
nur große Aufmerksamkeit in den Medien. Praktisch erprobt wurde
er bereits in Pakistan, wo 70.000 Stück an Erdbebenopfer verteilt
wurden. Hier folgten Produktion und Einsatz des Designs auf dem Fuße,
wofür andere Entwicklungen viele Jahre benötigen. Das stimmt
traurig, wenn man durch die Ausstellung auf dem Kongens Nytorv wandert
und die großartigen Ideen bewundert. Gerade die Entwicklungen
für die ärmsten Regionen der Erde sind darauf ausgelegt, schnell
und kostengünstig produziert werden zu können. Da bleibt nur
zu hoffen, daß bald ein neues Finanzierungsdesign entwickelt wird.
Mehr Informationen über den INDEX: AWARD 2007 unter www.indexaward.dk
Text und Photos: Inken Dose
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