Tagung: The Power of the Book. Medial Approaches to
Medieval Nordic Legal Manuscripts
18.-20. August 2010
Auch geschlossene Bücher können etwas aussagen: Vom
18. bis 20. August fand im Nordeuropa-Institut (NI) der Humboldt-Universität
der internationale Workshop “The Power of the Book – Medial
Approaches to Medieval Nordic Legal Manuscripts” statt. Unter der
Leitung der neuen Juniorprofessorin für Mediävistik am NI, Prof.
Dr. Lena Rohrbach, diskutierten etwa 25 Wissenschaftler aus Island, Britannien,
Norwegen, Schweden, Dänemark und Deutschland über medientheoretische
Zugänge zu mittelalterlichen skandinavischen Texten und die bisherigen
Ergebnisse ihrer Forschungsprojekte.
Die Grundidee des Workshops bestand darin, die Materialität der
mittelalterlichen Textzeugen zu untersuchen und über die reine Beschreibung
der Äußerlichkeiten hinaus zu erkennen, wie das Layout mit
dem Text interagiert und die Bedeutung des Buches als Ganzes konstituiert.
Die Untersuchung des Layouts beginnt beim geschlossenen Buch: bei dem
Gesamteindruck, der Größe, der Qualität von Bindung, Einschlag,
Schmuck, etc. Zwischen den Buchdeckeln gilt es, materielle Charakteristika
zu erfassen, wie das Verhältnis von Bild und Text, die Verwendung
verschiedener Arten von Initialen, die Wahl der Sprache, die Unterteilung
des Textes, die Anordnung verschiedener Texte in einem Buch usw. Auch
ein Vergleich dieser Texteigenschaften bei verschiedenen Handschriften
eines Textes, Abschriften oder unterschiedlichen Versionen, bietet Aufschluss
über das zeitgenössische Verständnis der Texte sowie ihren
„Sitz im Leben“, ihre Verwendung und den gesellschaftlichen
Status als Objekt.
Per Andersen (Århus Universitet) und Anna Catharina Horn (Universitetet
i Oslo) zeigten in ihren Vorträgen anhand des Layouts von dänischen
resp. norwegischen Gesetzestexten eine Veränderung in der Konzeption
der Bücher und damit einen Wandel in der Praxis der Rechtsprechung
selbst: von der Macht des Buches, dem Objekt selbst als Zeichen von Autorität,
zur Macht des Textes, also zum Gesetzestext als Gebrauchsgegenstand, dessen
Inhalt ausschlaggebend war.
Patricia Pires Boulhosa (University of Cambridge) präsentierte
neue Ergebnisse zur isländischen Konungsbók, in der
sie nach Mustern in dem scheinbar chaotischen und uneinheitlichen Layout
der Handschrift suchte. U.a. durch die Identifizierung von vier verschiedenen
Initialen-Typen konnte sie in Rechtshandschriften die produktive Adaption
zentraleuropäischer Formalien an spezifisch isländische Umstände
aufzeigen.
Karl Johansson und Lena Liepe (Universitetet i Oslo) zeigten mit ihrer
Analyse der unterschiedlichen Illuminationen einer norwegischen und drei
isländischen Rechtshandschriften, die eng miteinander verwandt sind,
einen Wechsel der Konzeption von einer weltlichen, d. h. am König
als Autorität und Hüter des Gesetzes orientierten, zu einer
klerikalen, allein durch Gott legitimierten Ausrichtung.
Die Untersuchung paratextueller Eigenschaften der altnordischen Literatur
ist ein Markenzeichen von Lena Rohrbach, die u.a. von 2006-08 an der Universität
Zürich im Nationalen Forschungsschwerpunkt „Medienwandel, Medienwechsel,
Medienwissen: Historische Perspektiven“ mitarbeitete und ihre Dissertation
über Struktur und Bedeutung von Tier-Episoden in der altisländischen
Saga-Literatur schrieb. In ihrem Vortrag sprach sie über die isländische
Handschrift Staðarhólsbók, die in der Zeit
des Übergangs vom isländischen Freistaat zur Angliederung an
Norwegen entstand. Ihre materielle Eigenschaft lässt darauf schließen,
dass sie als programmatische Vorlage für ein neues isländisches
Rechtsbuch konzipiert wurde, die sich an europäischen Traditionen
orientiert.
Friederike Richter (Humboldt-Universität Berlin) lieferte einen
Überblick über ihre Untersuchung des Text-Bild-Verhältnisses
in den Codices picturati, den reich illuminierten Handschriften
des Sachsenspiegels aus dem 14. Jh., die sie mit Bildstrategien
in zwei spätmittelalterlichen bebilderten Handschriften der isländischen
Jónsbók verglich.
Már Jónsson (Háskóli lslands) und Patrik
Åström (Luleå universitet) präsentierten ihre quantitativen
Untersuchungen der skandinavischen Rechtshandschriften, während Jonas
Carlquist (Umeå universitet) über das Ordensbuch des Birgittinen-Ordens,
das Birgittine Lucidarium, Rückschlüsse auf das Leben
der Nonnen im Kloster von Vadstena zog.
Stefan Brink (Universtiy of Aberdeen) schließlich sprach über
die Bestandteile, den Entstehungskontext und die Verwendung schwedischer
Provinzgesetze, insbesondere des Hälsingelov.
Der Workshop richtete sich an ein Fachpublikum und fand im NI am Hegelplatz
statt. Das Rahmenprogramm umfasste einen Stadtrundgang von KULTURHUS BERLIN
zu Orten in der Berliner Innenstadt, wo berühmte Skandinavier wie
H. C. Andersen, Herman Bang und Edvard Munch Berlin erlebten und zu ihrer
Zeit das Berliner Leben prägten. Zur produktiven Adaption dieser
Tradition ging man abends gemeinsam essen und sang, wie in Skandinavien
bei solchen Anlässen üblich, gemeinsam sehr unakademische Lieder.
Bei der Abschlussdiskussion einigte man sich darauf, sowohl das Treffen
zu wiederholen als auch die Ergebnisse dieser Tagung binnen Jahresfrist
zu veröffentlichen.
Malte Piersig
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