| Vorbildfunktion
vs Entsorgungspädagogik? |
| Vorbildfunktion vs. Entsorgungspädagogik?
Unter dem Titel „Vorbildfunktion vs. Entsorgungspädagogik? Das deutsche und die skandinavischen Bildungssysteme im Vergleich“ fand auf Initiative des Kulturhus Berlin. Zentrum für nordeuropäische Kultur und Wissenschaft in Kooperation mit dem Finnland-Institut in Deutschland, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität am 10.02.2006 eine mit internationale Tagung in Berlin statt. Die Einführung in das Thema Bildung und Skandinavien übernahm Steffen Reiche, MdB und früherer Bildungsminister Brandenburgs. Er berichtete nicht nur von den Vorzügen der skandinavischen Schullandschaft und dem Bildungstourismus nach Finnland, sondern auch von Gesprächen mit Schülern an finnischen Schulen. Ihre Antwort auf seine Frage, was die Finnen so anders machten, lautete, daß hier den Schülern jeden Tag gezeigt werde, was sie können – nicht was sie nicht können. Hier zeigt sich ein großer Gegensatz zur Situation in Deutschland, denn „in Deutschland werden allzuoft Fächer statt Kinder unterrichtet“, so Reiche. Er sprach sich für eine Föderalismusreform und Mindest- statt Regelstandards in Deutschland aus und schloß mit dem Hinweis: „Begeisterung kann man nicht verordnen, aber Optimismus ist lernbar“. Vorbildfunktion Skandinaviens? Die mangelnde Vergleichbarkeit und Offenheit an deutschen Schulen, die geringe Rückmeldung unter den Lehrern und das vorherrschende Selektionssystem, das eine Energievergeudung von Lehrern wie Schülern sei, beschäftigten Prof. Dr. Mats Ekholm, einen der angesehensten Beobachter der internationalen Bildungsszene und früheren Generaldirektor der schwedischen Bildungsagentur. Die starke sozialökonomische Selektierung vor der Pubertät habe schwerwiegende Folgen für die Entwicklung der Schüler, so Ekholm, für viele käme sie zu früh. Seit den Reformen des Schulsystems in Schweden stehe die soziale Entwicklung und die individuelle Förderung der Schüler im Vordergrund der Bemühungen. Hierzu gehöre auch eine fundierte Rückmeldung in Form von halbjährlichen Gesprächen zwischen Eltern, Lehrern und Schülern, neben der allgemeinen Benotung und regelmäßigen Prüfungen. Erstaunt zeigte sich nicht nur Mats Ekholm, sondern auch Rainer Domisch vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Finnland, darüber, daß die Schüler keine Mahlzeit in der Schule erhielten, denn schließlich müsse man satt sein, um zu denken! Für sein jetziges Bildungssystem habe Finnland viel von Schweden und der DDR übernommen. „Man kann die Schulkultur nicht ändern, wenn man weder die Kultur noch Lernkultur verändert“, so Domisch. Seit der PISA Studie habe man ein Schulnetzwerk aufgebaut, mit dem Patenschaften zwischen finnischen und ausländischen – auch deutschen – Schulen gefördert werden sollen, um so den Erfolg des finnischen Systems besser an andere weitergeben und vermitteln zu können. Die Reformierung des Schulsystems begann in Finnland bereits 1964 und hat gewaltige Veränderungen im Schulsystem bewirkt. Heute liege der Schwerpunkt der Reformbemühungen auf verstärkter Inklusion der Schüler und der Schulstrukturentwicklung. Das erste Panel wurde mit einem Vortrag von Tobias Werler über Wohl und Wehe des norwegischen Bildungssystems und die Chancengleichheit beendet. Solange Ressourcen nicht gleich verteilt und Schüler verschieden seien, müssen Lehrer und Eltern die Wahl zwischen Gleichheit oder Vorzüglichkeit treffen. Damit offenbare sich laut Werler ein kulturelles und strukturelles Kontingenzproblem für das Bildungssystem, da die traditionelle Schulorganisation mit Diversität nicht umgehen könne. Von Nordeuropa lernen Was kann oder muß Deutschland also von Nordeuropa lernen? Einig war sich die Expertenrunde darüber, daß die Gesamtschule, die heute meist lediglich „zweite Wahl“ deutscher Eltern für ihre Kinder sei, nach nordischem Vorbild weiter entwickelt und auch in Deutschland im Wortsinn zur Gesamtschule werden solle. So würde die kritisierte Überselektierung im undurchlässigen deutschen Schulsystem aufgehoben und es könne größere Chancengleichheit erreicht werden. Denn noch bestimme in zu hohem Maße die soziale Herkunft auch die Schullaufbahn deutscher Kinder. Kritisch äußerte sich Rainer Lehmann zu der Frage der „Übernahme“ von anderen Schulmodellen – man dürfe die jeweiligen Rahmenbedingungen und Strukturen nicht außer Acht lassen. Ein weiterer zentraler Gedanke richtete sich auf Schule als gesamtgesellschaftliches Projekt – Partizipation und Mitgestaltung von Schule durch alle und nicht die bislang zu beobachtende Abwälzung der Verantwortung auf den Staat. Als Pilotprojekt in diesem Zusammenhang stellte Hildburg Kagerer das Konzept ihrer Schule, der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule, vor, die seit vielen Jahren das Prinzip der „Schule im gesellschaftlichen Verbund“ in die Realität umsetzt und so Ausgrenzungsprozesse stoppt. Hier kommen die Schüler in sogenannten „Arenen“ in Kontakt mit „Dritten“, mit Künstlern und Praktikern, um von und mit ihnen zu lernen. Insgesamt war die Diskussion geprägt von Einigkeit und Konsens – so deutlich liegen die Probleme des deutschen Schulsystems auf der Hand. Das Interesse an den Schulmodellen der skandinavischen Nachbarn bei den rund 190 Konferenzteilnehmern war groß und zeigte sich nicht zuletzt in vielen Fragen und einer lebhaften Diskussion, die bis in den späten Abend reichte. Vor allem herrschte Konsens darüber, daß sich die deutsche Schule einiges von den Nachbarn im Norden abgucken kann und sollte. von Inken Dose und Katrin Hecker |
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